Zweiter Teil schlechter, aber weiter besser als der Durchschnitt

Weihnachtszeit ist Lesezeit - um mal ein Werbesprüchlein an den Beginn dieses Textes zu stellen. Ich habe mir den zweiten Band von Jussi Adler Olsens Reihe um den Ermittler Carl Mørck vom Sonderdezernat Q gegönnt und während der Feiertage gelesen. "Schändung" lautet der Titel des Buches, das nicht nur in mir große Erwartungen weckte, weil der Vorgänger "Erbarmen" einsame Spitze war. Um es vorweg zu nehmen: An den Vorgänger-Thriller kommt "Schändung" bei weitem nicht heran.

Als ich das Buch aufschlug, traf ich alte Bekannte wieder: Carl Mørck, Vize-Kommissar der Polizei in Kopenhgen und seinen Assistenten Assad, der eigentlich nur als handwerklicher Helfer tätig sein sollte, aber eine geheimnisvolle arabische Geheimdienstvergangenheit zu haben scheint und diese Kompetenz auch einsetzt. Neu bekommt Mørck noch Rose Knudsen hinzu, eine gescheiterte Polizeianwärterin, die nun als Sekretärin in den Polizeidienst einsteigt. Wieder muss der Kriminalbeamte einen bislang nicht gelösten Fall lösen, denn dafür ist sein Sonderdezernat ja da.

Und darum geht's diesmal: Mørck gerät an Akten über den Tod eines jugendlichen Geschwisterpaares vor vielen Jahren. Der Junge war schnell getötet, das Mädchen lange und brutal misshandelt worden. In Verdacht war eine Gruppe reicher junger Menschen geworden, die inzwischen zu den Stützen der Kopenhagener Gesellschaft zählen. Nachzuweisen war ihnen nichts. Einer der Verdächtigen kam bald darauf ums Leben, weil er sich angeblich aus Versehen bei der Jagd selbst erschossen hatte. Ein anderer gestand Jahre später alles, sitzt  dafür und hat inzwischen einen unerklärlich glänzenden Kontostand aufzuweisen.

Und dann gehört noch Kimmie zu der Gruppe. Kimmie - Kirsten-Marie heißt sie eigentlich - lebt mittlerweile auf der Straße beziehungsweise in einer Hütte auf dem Bahngelände, ist offensichtlich traumatisiert und psychisch krank, hat aber auch viel Geld zur Verfügung. Kimmie hatte durch die damalige Gruppe schwerste Misshandlungen zu erleiden, war bei den Gewalt-Orgien gegen andere offenbar aber eine der Scharfmacherinnen.

Die Rahmenhandlung läuft wieder - wie beim ersten Band der Reihe - in zwei Erzählsträngen, die zum dramatischen Finale hin zusammenlaufen. Einerseits wird Kimmies Geschichte  erzählt und wie sie ihre ehemaligen Kumpels verfolgt und wiederum von diesen verfolgt wird. Andererseits verfolgt der Leser, wie Carl Mørck und sein Team die nun reichen und etablierten ehemaligen Verdächtigen untersuchen und versuchen, ihnen eine Beteiligung an der Tötung des Geschwisterpaares nachzuweisen.

Ganz am Rande wird auch die Geschichte Carl Mørcks weitererzählt. Er ist ja zu seinem Sonderdezernat gekommen, weil er bei einem Polizeieinsatz schwer verletzt worden war und einen Kollegen verloren hat. Nun tauchen Hinweise auf, dass einer aus der dreiköpfigen Polizistengruppe, deren Mitglied er damals war, von dem Hinterhalt wusste, in den er damals mit seinen Kollegen geraten war.

Viel Stoff, oder? Genau das scheint mir das Problem zu sein. Jussi Adler Olsen erzählt wieder viel. Es ist alles interessant und spannend. Es ist aber auch alles eher oberflächlich. Während er in seinem Mørck-Erstling zumindest im ersten Buch-Teil mit geradezu erdrückender Intensität das Leiden der Jung-Politikerin Merete Lynggaard ausbreitete und diese in einem wirklich gespenstischen Verbrechen gefangenhielt, ist nun die geschilderte Brutalität auch bedrückend und Kimmies Traumatisierung schlimm. Nur erscheint es mir alles etwas klischeehafter und oberflächlicher.

Wirkliche Spannung kam bei mir beim Lesen nicht auf. Und das liegt nicht daran, dass Adler Olsen darauf verzichtet hat, Kimmie zwischendurch in die Fänge ihrer Häscher geraten zu lassen - zumindest nicht richtig. Das ist eine lobenswerte Abkehr von gängigen Thriller-Handlungsmustern.

Trotzdem handelt es sich bei dem Buch um eine weit überdurchschnittliche Kriminalgeschichte. Ich hoffe aber, dass der dritte Band, der für die erste Jahreshälfte in der deutschen Übersetzung zu erwarten ist, wieder etwas origineller wird. Gern würde ich beispielsweise die Geschichte Assads weiterverfolgt sehen.

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