Der Baron, die Juden und die Nazis: Jutta Ditfurth geht mit dem Adel hart ins Gericht

Sie kann nerven. Zutiefst von sich überzeugt sieht sie überall faschistische Gefahren drohen. Sie wirkt bisweilen allzu verbissen, wenn sie die wachsende Kluft zwischen den ganz Reichen und den ganz Armen beklagt. "Sie zeigt keinen Zweifel daran, dass sie nie auf der falschen Seite gestanden habe", schreibt beispielsweise die FAZ über Jutta Ditfurth. Und das ist auch gut so. Denn es ermöglicht in Zeiten, in denen seriöse Medien Textexegese am Beispiel der Dschungelcamp-Moderationen betreiben, erhellende Einblicke in unsere Geschichte und Gesellschaft.

Denn auch wenn Konservative und Neoliberale wohl Juckreiz bekommen mögen, wenn Ditfurth in der Nähe ist: Keinesfalls ist ihr abzusprechen, dass sie so engagiert wie kenntnisreich und gut recherchiert gesellschaftliche Missstände benennt und analysiert. Oft ist dies nicht schmeichelhaft für die jeweils analysierte Gruppe. Ich hatte vor vielen Jahren mal die Freude, sie bei einer Diskussion zu Biologismus und Esoterik in der Neuen Rechten zu erleben - einem Thema, das sie in ihrem Buch Entspannt in die Barbarei bearbeitet hat. Dabei erlebte ich sie als einnehmende, meinungsstarke und überzeugende Diskutantin.

Und nun ihr aktuelles Buch Der Baron, die Juden und die Nazis, das mir die vergangene Woche verschönert hat. Jutta Ditfurth nimmt sich des Adels an. Ausgehend von einem Besuch mit ihrer Mutter nach dem Fall der Grenze zur DDR an den Orten des ehemaligen Familienbesitzes derer von Ditfurth stößt sie dabei auf ihren Urgroßonkel Börries von Münchhausen. Dieser war zu Beginn des vorigen Jahrhunderts bis in die Nazi-Zeit ein bekannter und anerkannter Balladen-Dichter.

Dieser mir bis dato völlig unbekannte Herr war offenbar ein Antisemit, wie ihn sich die Nazis nicht besser hätten wünschen können. Das stellt Ditfurth schnell fest und nimmt es zum Anlass, sich die Haltung ihrer großen Familie zu den jüdischen Deutschen mal genauer anzuschauen.

Das Ergebnis präsentiert sie in ihrem Buch. Es fällt eindeutig aus. Auf Differenzierungen verzichtet sie. In den Kreisen ihrer Vorfahren galt es als schick, von einer jüdischen Rasse zu faseln, den jüdischen Deutschen übermäßigen Geschäftssinn zu unterstellen und sie zum Sündenbock für das eigene Versagen zu machen. Davon ist die Frankfurterin mit dem abgelegten Adels-Von überzeugt. Verdichten ließe sich eine der Haupt-Thesen des Buches darauf, dass Ditfurth dem Adel unterstellt, seine Willfährigkeit während der Nazi-Zeit habe die damalige Barbarei maßgeblich ermöglicht, schreibt der Hessische Rundfunk in einem Beitrag zu dem Buch.

Versponnener Nichtsnutz dichtete passabel

Ihr Untersuchungsobjekt macht es ihr aber auch zu einfach. Börries von Münchhausen (Papa trug bereits diesen Vornamen und sein Erstgeborener auch, was selbigen nicht daran hinderte, sich mit 30 Jahren tot zu fahren) war ein versponnener Adelssproß mit Hang zur Nichtsnutzigkeit. Das Agrarische faszinierte ihn zwar, die damit verbundene Arbeit schreckte ihn offenbar eher ab. Hingegen dichtete er passabel und nahm sich - in Ton und Thema die Vorväter nachahmend - der Kunstform der Ballade an.

Sogar eine Balladen-Sammlung namens "Juda" fabrizierte der formidable Filius derer von und zu Lügenbarons. Es waren Gedichte, die vorgeblich der jüdischen Kultur huldigten. Sogar die Illustrationen zu dem Buch, das bis in die 1930er Jahre immer wieder neu aufgelegt wurde, stammten von einem jüdischen Freund Münchhausens. Dieses Buch ist der Punkt, an dem Jutta Ditfurth die allgemeine Relevanz ihres Buch-Themas entfaltet. Denn hat sie bis dahin ein wenig arg gesprächig dieses und jenes von ihrer Familie und vom deutschen Adel kundgetan, analysiert sie nun messerscharf den scheinbaren Philosemitismus Münchhausens und seiner Adels-Spießgesellen jener Tage.

Diese erwiesen - so scheint es zumindest - nicht nur der jüdischen Kultur ihre Reverenz und anerkannten sie als Bereicherung für die deutsche Gesellschaft. Vielmehr akzeptierten sie das Jüdische vor allem in Form des Zionismus, mit dem sie die Hoffnung verbanden, Jüdinnen und Juden würden auf diese Weise Deutschland in Richtung des zu errichtenden Judenstaates verlassen. Eine Haltung, die - glaubt man Ditfurth - im deutschen Adel eine verfassungsändernde Mehrheit erreicht hätte.

Adeliges Reinheitsgebot für die familiäre Fortpflanzung

Und so verknüpft sie "volkstümliche" geistige Brandstiftereien wie die briefliche Vermutung ihrer Großtante Hertha von Schierstädt, ihr Vater müsse doch einen "Juden erschlagen" haben, um die Renovierung des heimatlichen Gutes zu bezahlen, mit dem wie selbstverständlich vorauseilenden Gehorsam des Adels vor der anrückenden Nazi-Horde. Denn schon lang, bevor die Nazis die Nürnberger "Rassegesetze" erließen, hatten die Adelsverbände ihre Satzungen derart präzisiert, dass wirklich adelig nur die Familien sein konnten, die über viele Generationen hinweg ohne "fremdländische" Einflüsse ausgekommen waren. Im Klartext: Jüdische Vorfahren waren tabu und hätten zum Ausschluss aus dieser "rückständige[n] Elite" geführt, wie Ditfurth sie im Zusammenhang mit den napoléonischen Reformen nennt. Immer wieder zieht Ditfurth die Parallele zwischen der Adelssitte, sich nur unter seinesgleichen fortzupflanzen, und dem Arier-Wahn der Nazis.

Börries von Münchhausen zumindest arrangierte sich glänzend mit den Nazis, revidierte dafür sogar seine Geschichte mit dem Buch "Juda". Besonders unappetitlich wird es, als Ditfurth mit erkennbar wohligem Grausen erzählt, wie ihr Urahn sich anschickte, die Sektion Literatur der Akademie der Künste zu übernehmen. Dort herrschten nämlich in der Vor-Nazi-Zeit noch jüdische Autoren und linke Literaten. Zunächst errichtete er eine parallele literarisch-nationalistische Elite-Gruppe, die sich immer auf der seiner Familie gehörenden Wartburg traf. Irgendwann gelang es ihm, die Akademie der Künste mit Vertrauensleuten zu besetzen - immer das Ziel fest im Blick, das "Jüdische" aus der deutschen Kultur zu tilgen. Unter anderem unterbreitete der hochwohlgeborene Rassist den Nazi-Offiziellen den Vorschlag, jüdischen Familien ihre Familiennamen zu rauben, wenn diese einen "arischen" Anklang hatten.

Es ist Jutta Ditfurth offenbar ein Herzensanliegen, den Adel über das kümmerliche Leben ihres Urgroßonkels hinaus, der sich kurz vor Kriegsende umbrachte, als die Niederlage nicht mehr zu leugnen war, vom Sockel zu stoßen. Deshalb hat sie der Lebensbeschreibung Münchhausens eine Betrachtung quasi angehängt, die sich mit der Verklärung des Adels in der Nazi-Zeit befasst. Keinen Zweifel lässt sie daran, dass die adeligen Attentäter des 20. Jahrhunderts keineswegs die reinen Helden gewesen seien, als die sie in der offiziellen Erinnerungskultur bis heute fungieren. Vielmehr betont die Frankfurter Linksökologin die teilweise menschenverachtenden Ziele der Stauffenberg-Gruppe nach einem erfolgreichen Staatsstreich. Das ist Wissen, das jeder und jede nach einem einigermaßen gelungenen Geschichtsunterricht haben müsste, das heutzutage aber kaum noch kommuniziert wird.

Kritischer Adelsblick mit ungebrochener dynastischer Denkweise

Insgesamt ist Jutta Ditfurths familiäre Adelsbetrachtung das Geld für den Buch-Erwerb wert. Es ist leicht lesbar, unterhaltsam, aufklärerisch und meinungsstark. Mir bleibt zum Schluss noch eine für mich erstaunliche Erkenntnis: Ditfurths Urgroßmutter hieß Gertrud von Raven-Beust. von Beust? Genau! Jutta Ditfurth ist offenbar verwand mit dem ehemaligen Hamburger Bürgermeister Ole aus der Sippe von Beust. Über ihre Urgroßmutter verfasste Ditfurth einen eigenen Roman, Die Himmelsstürmerin. Die Befassung mit ihrer Familie scheint Jutta Ditfurth wie die meisten älter werdenden Menschen sowieso zu faszinieren. Auch das Vorgängerbuch zur jetzt vorgelegten Adelsgeschichte befasste sich mit ihrem Werdegang und ihrer familiären Verwurzelung.

Nebenbei finde ich es ein wenig amüsant, dass Ditfurth, so distanziert sie sich auch von ihrem Herkunftsadel gibt, die dynastische Denkweise noch beherrscht. Virtuos schreibt sie über ihre Urgroßtante und Urgroßmutter und andere Verwandte weit zurückliegender Generationen. Denke ich an meine eigene Familie, so fällt mir nur zu einer einzigen Urgroßtante überhaupt ein Name ein. Ansonsten sind die Vertreterinnen und Vertreter dieser Generation aus dem familiären Gedächtnis weitgehend verschwunden. Aber ich komme ja auch aus einfachen Verhältnissen.

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