Klick mich, if you can stand it

tl;dr

Julia Schramms Buch "Klick mich" ist schlecht geschrieben. Erschreckender ist aber die darin geäußerte Haltung zu Individuum und Gesellschaft. Moderne, Politik und gesellschaftliches Engagement werden darin zur belanglosen Selbstbespiegelung.

Mit diesem hyper-, die Autorin würde sagen: "metamodernen", Kürzel plus der folgenden Zusammenfassung sind wir bereits mitten im Thema - und haben dem Buch Klick mich: Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin von Julia Schramm sogar die Reverenz erwiesen. Gut: früher nannte man so etwas Zusammenfassung, Anriss oder Vorspann, und es wurde bei jedem längeren Zeitungsbericht verwendet, aber Schramm erweckt in ihrem trendigen, schmalen Buch den Eindruck, alles sei neu und werde zum ersten Mal von der Gesellschaft erlebt.

Ein gewisser Gruselfaktor war dabei, als ich das eBook dieser Veröffentlichung kaufte - ganz legal beim Online-Buchhändler des Vertrauens. Dass es nicht literaturnobelpreisverdächtig sei, ließ sich spätestens nach der vernichtenden Kritik von Ole Reißmann auf Spiegel Online erahnen. Nachdem ich auch nirgendwo anders eine gute Kritik fand, musste ich mich doch selbst überzeugen. Und ich habe jede Seite gelesen. Es war hart! Die Kritikerinnen und Kritiker hatten nicht zu viel versprochen. Immer wieder musste ich aufpassen, nicht in großflächiges Querlesen zu verfallen. Denn alles, was Schramm schreibt, ist - so belanglos.

Das große Nichts über das große Nichts

Inhalt gibt es eigentlich keinen. Die Autorin hüpft wild in einem Themen-Dickicht herum. Wohwollend könnte ihr attestiert werden, dass die Art des Buches gewisse Ähnlichkeiten mit den ebenfalls weitgehend handlungslosen "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" von Rainer-Maria Rilke aufweist. Die inhaltliche Leere lädt die Verfasserin allerdings pausenlos mit der behaupteten Einzigartigkeit ihrer Erlebnisse auf. Zudem gibt sie allem einen pseudointellektuellen Anstrich. Diesen Effekt bewundern regelmäßige Leserinnen und Leser ihres Blogs schon lang.

So lesen wir beispielsweise auf S. 102 der elektronischen Ausgabe:

"Und wie ein riesiger Vorschlaghammer glätten seine Abstraktionen [die des Internets, junirio] hypermodern die Unebenheiten der Realität."

Alles klar? Also stellen wir uns einen Vorschlaghammer vor. Mit dem reißt man Wände ein. Glatt wird dadurch nichts. Es bleibt vielmehr ein riesiger Schutthaufen zurück. Das Werk des Hammers ist das Bild für die Abstraktionen des Internets. Und diese Abstraktionen glätten Unebenheiten der Wirklichkeit. Wirklichkeit ist in der Tat kompliziert. Das können Abstraktionen aber auch sein, oder findet jemand die Relativitätstheorie oder die Quantenmechanik leicht und eingängig zu verstehen? Wir wollen zunächst einmal nicht diskutieren, dass Wirklichkeit eine soziale Konstruktion und somit auch abstrahiert ist. Aber die Abstraktionen glätten nicht nur, nein, sie tun es auch noch hypermodern. Dieses Fremdwort steht für "übertrieben neuzeitlich", schreibt mein Fremdwörter-Duden.  Ich muss mir nun also ein abstrahierendes Internet vorstellen, dass übertrieben neuzeitlich Unebenheiten aus der Realität bügelt.

Tut mir leid, dafür bin ich zu dumm. Mir geht es da so, wie Julia Schramm es in den direkt folgenden Sätzen auf derselben Seite postuliert:

"Übrig bleibt nichts. Außer der Angst vor dem Nichts und vor der Bedeutungslosigkeit."

Nichts ist das Schlüsselwort dieses Buches. Die Protagonistin, die wohl weitgehend aus Spurenelementen der Autorin zusammengesetzt ist, tut weitgehend nichts. OK, in manchen Passagen hat sie Cyber-Sex. Aber dazu hat sich Julia Seeliger in ihrem köstlichen Text bereits ausreichend geäußert. Ansonsten sitzt sie herum - vor dem Computer, auf angeschimmelten Sofas in besetzten Häusern, in hippen Cafés etc. - und beobachtet die Welt, die sie als metamodern begreift, womit sie meint, dass sie die Beobachter der modernen Welt beobachtet. Man bekommt von der Protagonistin kein Engagement mit. Sie arbeitet scheinbar nicht. Sie studiert wohl auch nicht. Andere sind sehr wohl tätig. Da sind beispielsweise ein Hacker oder auch ein Revolutionär in irgendeinem fernen Land. Wirkliches Interesse - gar Anteilnahme - über die Beobachtung hinaus entwickelt die Beobachterin erst, als der Revolutionär stirbt. Da ist die Nicht-Geschichte aber auch schon zu Ende.

Die Erzählerin ist jung und findet alles aufregend. Das ist gut. Nervig ist aber, dass sie alles sofort auf sich und ihre - zweifelsohne - umfassende Bildung beziehen muss. Alles wird ins Schrammsche Weltbild eingepasst - mit ihr im Zentrum und den Zeitläuften als passende Deko um sie herum. Dabei entstehen dann geradezu poetische Absonderlichkeiten wie diese auf S. 104 der elektronischen Ausgabe:

"Das 19. Jahrhundert! Ich schwelge in Nostalgie und in Abscheu. Ich denke an Jugendstil, an Hegel und Tolstoi. An russische Zigaretten. Die Moderne, dieses Monster, das dazu gedacht war, die Welt zu retten. So wie das Internet! Das Internet? Stehen wir an der Schwelle zu einer neuen totalen Diktatur?"

Ich lasse das mal so stehen und erlaube mir nur den Hinweis, dass ich erstaunt war, als ich unter anderem dort las, dass eine Lektorin an dem Buch mitgewirkt habe. 

Die besondere Welt, die doch nur ein Medium ist

Das Grund-Problem des Buches ist dann auch dasselbe, das viele Piratinnen und Piraten mit sich herumschleppen: Sie begreifen das Internet als eigenständige Welt, in der sie sich so viel besser bewegen als Offliner oder die "Altparteien". Daraus leiten sie einen Sonderstatus für sich ab und eine politische Mission, die da lautet, die Freiheit des Internets zu sichern und den Rest der Gesellschaft auf den rechten Online-Pfad zu bringen. Die Zukunft liegt nach Überzeugung Schramms im Internet. Sie beschreibt ihre Sozialisation als eine besondere, die weitgehend ausschließlich im Netz stattfand. Auf S. 20 der elektronischen Ausgabe schreibt sie:

"Aber innerlich fühlte ich immer eine unendliche Distanz - zu jedem und allem. Ist die Welt hinter dem Monitor, die man frei gestalten kann, die einen nicht verurteilt, sondern das, was man zu sagen hat, brav aufnimmt und verteilt, nicht so viel schöner?"

Von Promi-Piratin Marina Weisband gibt es ähnliche Schilderungen, beispielsweise hier. Auch sie wird demnächst ein Buch veröffentlichen, in dem es sicher auch wieder um die eigene Welt des Internet geht.

Warum sind Analysen auf dieser Basis falsch? Was ist der Trick dabei? Konstruiert und inszeniert wird eine Außenseiterrolle. Schließlich - so die These - lebten Piratinnen und Piraten (oder auch Nerds und Nerdetten) in einer eigenen Welt. Schramm spricht auf S. 19 des eBooks pathetisch vom "Weg in das Außenseitertum". Alle anderen sind also altmodisch, nicht metamodern, was auch immer. Das Problem ist nur: Alles, was Schramm beschreibt, sind soziale Handlungen. Die finden im Internet genauso statt wie in einem Parteiverband, einer dörflichen Gemeinschaft, einer Freundesclique, einem Zugabteil etc. In jedem der geschilderten Zusamenhänge bilden sich je eigene Regeln heraus. Die Mitwirkenden müssen sie kennen, um in der jeweiligen Gruppe Anerkennung zu erlangen. Anders sind nur die jeweiligen Rahmenbedingungen. Auch im Internet sind wir folglich nicht wirklich frei, zu tun und zu lassen, was wir wollen.

Im speziellen Fall ist es also das Medium Internet. Dies ermöglicht es in der Tat erstmals jedem und jeder, seine und ihre sozialen Handlungen synchron wie auch asynchron über große räumliche Entfernungen zu spreizen. Für die Kommunikation darin gelten aber Grundsätze, die auch in der Offline-Welt schon gültig waren. Was Julia Schramm im obigen Zitat schildert, ist mitnichten außergewöhnlich. Sie fühlte sich einsam und unverstanden. Das soll in der Pubertät durchaus vorkommen. In ihrem Fall waren es Communities im Internet, in denen sie sich endlich geborgen fühlte. Andere werden andere Geschichten zu erzählen haben. Jugendliche in den 1980er Jahren fanden Anschluss beispielsweise in Jugendzentren, in Friedensgruppen, bei den Punks oder wo auch immer. Nicht einmal die Art der Kommunikation, wie wir sie heute in Chats oder E-Mails führen, ist stukturell neu, wie die FAZ in diesem gewagten Artikel am Beispiel Franz Kafkas ausführt. Der legendäre Autor führte exzessive Brief-Dialoge, die heutigen virtuellen Gesprächen in nichts nachstehen. Was die Piratenpartei und ähnliche Strömungen mit und im Internet machen wollen, hat mit der Radiotheorie von Brecht ebenfalls einen gut abgehangenen Vorläufer.

Wenn also die Grund-Phänomene gar nicht neu sind, dann müssen die von den Anhängern der Schramm'schen Ansichten vertretenen Positionen hinterfragt werden. Denn aus einer falschen Analyse erwachsen nur per Zufall die richtigen Problemlösungen. Die Piraten postulieren - eine weitgehend technisierte - Liquid Democracy als angemessene Lösung für die von ihnen behaupteten Probleme.

Demokratie ist zuvorderst ein soziale Herausforderung und weniger ein technisches Problem. Die piratige Mission ist für Julia Schramm:

"Sie [die Piratenpartei; junirio] sieht sich im Kampf gegen eine blutleere, ausgehöhlte Demokratie, beherrscht von ununterscheidbaren 'Volksparteien', Technokraten, Lobbys und bequem gewordenen Bürgern."

Jeder einzelne der genannten Punkte würde einer genaueren Überprüfung nicht standhalten. Der Vorwurf der Technokraten-Herrschaft hat im Angesicht der Piratenpartei definitiv Charme, wird dort doch fast alles auf eine technokratische Ebene gehoben (Parlamentsvorlagen sind erst dann gut, wenn sie maschinenlesbar sind, Protokolle werden nicht auf Zetteln, sondern in Pads geschrieben usw.). Der zitierte Satz steht weit am Ende des Buches, genauer gesagt auf S. 134. Damit gibt sie sich auch als Anhängerin des Postdemokratie-Theorems zu erkennen. Ich bin eher skeptisch, ob die These von der Postdemokratie zutreffend ist. Darüber habe ich hier bereits gebloggt.

Schramm und ihre Freunde, die ja - nimmt man das Buch als Maßstab - weitgehend tatenlos im Netz leben, nehmen zur Rettung der oben geschilderten geschundenen Welt sogar Unbequemlichkeiten in der physischen Sphäre in Kauf, wie sie am Ende des Buches andeutet:

"Die Menschen haben die Monitore zeitweise verlassen und sich aufgemacht, die Welt zu ändern."

Das klingt, als wollten Aliens über uns kommen. Ich gestatte mir die prämoderne Meinung, dass für mich das "wirkliche" Leben abseits des Monitors spielt und der Bildschirm allenfalls ein Hilfsmittel zur Gestaltung des Lebens ist. 

Im Kritik-Sturm für die Dinge, die sie richtig gemacht hat

Erwartbarerweise steht die Jung-Schriftstellerin nun im Sturm harscher Kritik. Da sie auch Bundesvorstandmitglied der Piratenpartei ist, fällt die Kritik besonders heftig aus. Sie entzündet sich allerdings nicht an ihrem problematischen Weltbild. Viel mehr stört es die kritisierenden Piratinnen und Piraten, dass sie es tatsächlich wagt, ihr Buch herkömmlich bei einem Verlag publizieren zu lassen und Geld dafür zu nehmen - wir selbst würden ja ein solches Ansinnen entrüstet zurückweisen! Besonders erregte die "Netzgemeinde", dass der Verlag dafür sorgte, dass illegale Kopien des Buches aus dem Netz genommen wurden. Übrigens ohne kostenpflichtige Abmahnungen. Nach Schramms Aussage sei dies ihr Wunsch gewesen. Damit hat sie sich vollkommen korrekt verhalten, finde ich.

Hochgradig lächerlich ist daher die Forderung der niedersächsischen Piraten, Schramm müsse wegen der Verlagsveröffentlichung zurücktreten.

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