Unter Haien: Ein Krimi, der gut unterhält, weil er nicht überrascht

Ein merkwürdiges Buch-Erlebnis: Du liest einen Krimi, weißt genau, was gleich passieren wird, scannst ganze Absätze querlesend, weil Dir sowieso klar ist, was dort geschrieben stehen wird - und fühlst Dich gut unterhalten. Letztlich bekam ich durch Zufall das Krimi-Debüt der der erfolgreichen deutschen Krimi-Autorin Nele Neuhaus in die Hand. Mit "Unter Haien" passierte mir genau das eben Beschriebene.

Nele Neuhaus ist eine ganz erstaunliche deutsche Autorin, die etwas Einzigartiges geschafft hat. Durch Eigeninitiative und weil sie an ihre Bücher glaubte, hat sie sich den Erfolg am Buchmarkt "ertrotzt". Die FAZ beschreibt ihren Karriereweg in einer schönen Reportage. Mit "Unter Haien" fing alles an. Durch geschicktes Eigenmarketing verschaffte sie sich Aufmerksamkeit, fand irgendwann einen Verlag, in dem sie dann  Taunus-Krimis veröffentlichte, schließlich wurde auch "Unter Haien" wiederveröffentlicht.

Obwohl das Buch in der eBook-Ausgabe knappe 500 Seiten hat und die Geschichte recht verzweigt ist, lässt sie sich doch schnell erzählen. Die deutsche Bankerin Alex Sontheim bekommt einen Traumjob in einer "Merger & Acquisition"-Abteilung einer New Yorker Investment-Bank. Alex ist jung, hübsch, schlau und auf Karriere aus. Sie hat schnell geschäftlichen Erfolg und trifft auf einer High-Society-Party den attraktiven, älteren, erfolgreichen Geschäftsmann Sergio Vitali. Weil der sie aber nur als Abenteuer betrachtet, lässt sie sich darauf hin auch noch auf ein Abenteuer mit dem anständigen Journalisten Oliver ein. Es stellt sich heraus, dass Oliver auf der Spur Vitalis ist, weil der New Yorks Ober-Mafiosi ist, dem aber bislang niemand etwas nachweisen konnte. Oliver ist einer von den Guten, und als er erfährt, dass Alex auch eine Affäre mit Vitali hatte, bricht er mit ihr (was ihn nicht davor bewahrt, von den Schergen Vitalis zusammengeschlagen zu werden). Alex flüchtet daraufhin zurück in Vitalis Arme, auch wenn ihr dabei ein wenig mulmig ist.

New York City Skyline
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oto von Nutzer drpavlow, CC-BY-NC 2.0,  https://flic.kr/p/daYWm9

Mittlerweile erfährt auch Alex, dass ihr Arbeitgeber nur eine Geldwaschanlage für Vitali ist. Es tritt New Yorks Bürgermeister Nick Kostidis auf den Plan. Auch er ist einer von den Guten. Nach vielen Irrungen und Wirrungen tun Alex und Nick sich zusammen, auch Oliver kehrt zurück, und gemeinsam besiegen sie Vitali auf ganzer Front. Natürlich sterben dabei viele Menschen, denn der Mafia-Chef ist ja skrupellos. Und natürlich verlieben sich Kostidis, dessen Familie zwischenzeitlich umgebracht worden ist, und Alex ineinander.

Alles schon mal gesehen und gelesen

Diese Geschichte hat man so oder so ähnlich sicher bereits gehört. Weder wird sie anders, noch in irgendeiner Form originell erzählt. Auch geht Nele Neuhaus mit den Spannungsbögen in ihrem Krimi eher sorglos um und nervt mit  vielen Perspektivwechseln. Oft ahnt der Lesende bereits, wie ein aufgebauter Konflikt enden wird. Auch sprachlich bietet Nele Neuhaus keine Feinkost. Platte Charakterisierungen und eine Vorliebe fürs Rosarot-Kitschige zeichnen ihren Stil aus.

Zwei Beispiele:

"Sie lag auf dem Bett und starrte an die Decke des Hotelzimmers. Wie musste es sein, wenn man sich sein ganzes Leben fürchten und verstecken musste? Die Vorstellung, ein Leben auf der Flucht zu führen, ernüchterte sie. Dies hier war kein aufregendes Spiel, kein Film mit Happy End, den man sich gespannt im Kino ansah, dies hier war tödlicher ernst. Ihre Euphorie war schlagartig verschwunden, der Champagner schmeckte plötzlich schal."
(S. 379/380 der eBook-Ausgabe).

"Er wandte sich ab und trug Alex die Treppe hinunter, an den Marshals vorbei hinaus zum Auto. Alex schmiegte sich in seine Arme. Obwohl es im Auto warm und sie in eine Wolldecke gehüllt war, zitterte sie am ganzen Körper. Nick murmelte unsinnige beruhigende Worte, wie man sie zu einem kleinen Kind oder einen jungen Hund sagt, aber am liebsten hätte er geweint, so abgrundtief war sein Mitleid mit ihr und so erleichtert war er, dass sie am Leben war."
(S. 452, eBook-Ausgabe)

Es wird deutlich: Auch wenn "Unter Haien" mit Thrillern von John Grisham verglichen wird: Ganz so gut ist es dann wohl doch nicht. Autor "fba" fasst im Blog "Deutschsprachige Literatur" treffend zusammen: "Das Problem ist jedoch, dass Neuhaus weder beim Plot, noch bei den Charakteren und schon gar nicht beim Schreibstil mit einem Kaliber wie Grisham mithalten kann." Und doch: Unterhaltsam ist das Buch. Es verführt sogar zum Immer-Weiter-Lesen. Wie macht es das? Die einzige Erklärung, die mir plausibel erscheint, ist diese: Es sind die bekannten Bilder, das gewohnt Heimelige, die Anschlussfähigkeit ans bereits einmal gut Verdaute.

Keine Überraschung, nirgends

Durch den Verzicht auf sprachliche und literarische Kreativität gestaltet Neuhaus den Thriller niedrigschwellig. Er ist "leicht zu lesen". Alle Charaktere sind so, wie wir uns solche Charaktere halt vorstellen. Der Mafiosi ist böse, ein Frauenschwarm und wird nur sentimental bei seiner Familie. Das kennen und lieben wir so bereits seit dem Paten und dem König von St. Pauli. Alex als gute Hauptfigur ist eine Geschäftsfrau, wie sie zu sein hat. Jung, hübsch, gut gebildet, zunächst nicht rebellisch und natürlich auf der Suche nach einer starken Schulter. Dass sie mit allen relevanten weiteren Haupt-Figuren ins Bett geht, dürfte gern mal aus feministischem Blickwinkel untersucht werden. Der junge, idealistische Journalist könnte so auch schon im "Clou" auftauchen. Alles in allem: Jeden Charakter haben wir so schon mal gesehen, können uns also ohne Probleme von ihm ein Bild machen. Das Gleiche gilt fürs Setting. New York ist der Banken-Moloch, sind die Hoch-Häuser und die edlen Restaurants. Auch dazu fallen uns unweigerlich gut abgehangene Film-Bilder ein. In der Investment-Bank zocken skrupellose Menschen nur für ihren persönlichen Vorteil, egal wie viel Schaden sie damit anrichten. Glauben wir das nicht alle zu wissen?

Kommt nocht die Story: Bereits nach wenigen Seiten war mir klar, dass es ein richtiges Happy-End geben wird. Weitere Lektüre schien also ohne große Überraschungen und Nerven-Pein möglich. Keine Wendung kommt überraschend, auch das erleichtert die weitere Lektüre. Das "Risiko" lässt sich gut abschätzen. Die Heldin hat sich in die sichere Schweiz geflüchtet, es sind aber noch ca. 150 Seiten übrig? Klar, sie wird noch mal von den Mafia-Häschern gefasst und mishandelt werden. Aber fest steht ja auch, dass der weiße Ritter bereits an ihrer Rettung arbeitet. Ganz drastisch könnte man auch sagen: Das Buch funktioniert wie die Geschichten des Kasperletheaters. Wir im Publikum wissen um die Gefahren, sehen teilweise die Bedrohung Kaspers und wollen hineinrufen, ihn warnen. Trotzdem erwischt es ihn. Wir flüchten aber nicht aus der Vorstellung, weil wir ja aus vergangenen Vorstellungen wissen, dass alles irgendwie gut ausgehen wird.

"Unter Haien" ist also im Prinzip verschriftlichtes Kino oder Fernsehen. Es ist in dieser Form solide gemacht. Insofern ist diese Kritik auch kein klassischer "Verriss". Denn auch für solche Bücher gibt es einen Markt. Und diesen zu bedienen, ist Nele Neuhaus hervorragend geglückt.

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