Buchbesprechung: Offline! Wir werden alle sterben! Wegen des Internets! Und nun?

Erfreulich ist die Lektüre von Thomas Grüters neuem Buch "Offline! Das unvermeidliche Ende des Internets und der Untergang der Informationsgesellschaft" nicht. Denn: Wir werden alle sterben! Soweit, so selbstverständlich. Der Grund dafür ist nach Grüters Argumentation in diesem Fall aber unsere Abhängigkeit vom Internet. Weil immer mehr Aspekte unseres Lebens ohne das Netz nicht mehr denkbar wären, führte ein Zusammenbrechen dieser Infrastruktur unweigerlich zur großen Menschheitskatastrophe. Wer wollte das bestreiten?

Thomas Grüter ist unter anderem Autor "populärwissenschaftlicher" Sachbücher. "Offline!" ist eines davon. Kürzlich berichteten die Westfälischen Nachrichten über das aktuelle Werk des Roxeler Autoren. Mit großem Gewinn habe ich beispielsweise vor einiger Zeit sein Buch "Freimaurer, Illuminaten und andere Verschwörer - Wie Verschwörungstheorien funktionieren" gelesen. Leicht und locker führt er darin anhand zahlreicher Beispiele aus, welcher Mittel sich die Konstrukteure von Verschwörungstheorien bedienen und so ihr Spielchen mit der diffusen Furcht der Bevölkerung spielen.

Und nun macht der sympathische Roxeler ganz etwas Ähnliches. Denn Grüter macht das ganz große Fass auf. Anhand unbezweifelbarer Fakten - Mediatisierung, Computerisierung, Digitalisierung unserer Gesellschaft - konstruiert er ein in sich schlüssiges Bedrohungsszenario, dass er dann auch noch laut Titel - und auf der Kanzlerinnen-Spur - als alternativlos beziehungsweise unausweislich hinstellt.

Was ist seine These auf den 288 Druckseiten? Fast kein Bereich unserer Wirtschaft, unserer Kommunikation und unserer Gesellschaft kommt mehr ohne das Internet aus. Das Internet hängt aber wesentlich davon ab, dass Strom vorhanden ist. Es braucht Computer. Computer müssen hergestellt und gewartet, die Nutzungskompetenz für die Geräte geschult werden. Die Produkt-Zyklen würden immer kürzer. Technik veralte, Daten würden in rasanter Geschwindigkeit unbrauchbar und könnten nicht mehr gelesen werden. Falle auch nur einer der Bausteine für unsere Computerwelt über längere Zeit aus, breche das ganze System unweigerlich zusammen, ist sich der Apokalyptiker sicher. Nicht mehr die Amis werden einzelne Länder in die Steinzeit zurückbomben. Nein, das würden wir schon selbst im globalen Maßstab erledigen, weil wir unsere Existenz zu sehr in die digitale Welt verlagert hätten. Die "Blüte" der Internet-Durchdringung erwartet er für die Jahre 2030 bis 2040.

1a-Kapitalismuskritik, die so gar nicht gemeint ist

Nun hält Grüter es für ausgemacht, dass die für den Betrieb der Internetrechner nötige konventionelle Stromerzeugung den Planeten auf Dauer verpesten werde. Rohstoffe für die Computer (seltene Erden etc.) würden knapp. Rohstoffe und Produktionskapazitäten lägen in viel zu wenigen Händen, weshalb die globale Gesellschaft erpressbar durch die Eigner des Rohstoff- und Produktionskapitals werde. Eine seiner großen Ängste ist zudem, was ein Krieg anrichten könnte, der sich heutzutage sicher vor allem gegen die Kommunikationsinfrastruktur richten würde.

Prinzipiell hat Thomas Grüter eine 1A-Kritik des Kapitalismus in seiner hypermodernen Ausprägung verfasst. Wer nun aber systemkritische Folgerungen erwartet, ist schief gewickelt. Grüter ruft nicht zum Sozialismus oder gar zur Revolution auf. Eigentlich beschreibt er die Lage als hoffnungslos und untermauert dies mit vielen, vielen, oft bunt aus der Geschichte zusammengewürfelten Beispielen.

Mich lässt dieses Buch ratlos zurück. Einerseits hat der Autor ja schon recht. Natürlich sind wir immens abhängig von Internet und Digitalisierung. Nur weiß ich nach der Lektüre nicht, was ich mit der erworbenen schlechten Stimmung anfangen soll. Denn eine Diskussion des Sachverhaltes liefert Grüter nicht. Alternative Sichtweisen, gar Gegenargumente, spart er weitgehend aus. Das ist schade, zumal er seinen Untersuchungsgegenstand mit einer gewissen Nonchalance behandelt. Da spricht er vom Internet, meint eigentlich aber Computer. Dann subsumiert er allgemeine Phänomene der Technisierung unter den Begriff Internet. Auch der Energieverbrauch der Menschheit wird sehr allgemein dargestellt. Alles ist irgendwie richtig. Bei näherem Hinschauen fallen einem aber sofort weitere Aspekte und Ungereimtheiten auf.

Kriegs- und Konzentrationsgefahr auf staatlicher Ebene?

Entsprechend unscharf geht er beispielsweise mit der Kriegsgefahr um. Diese geht seiner Darstellung nach ausschließlich von nah- und fernöstlichen Staaten als Krieg gegen Staaten aus. Dass er damit die aktuelle Welt-Konfliktlage nicht mal im Ansatz trifft, weiß der einigermaßen informierte Leser. Kriege werden zunehmend von nicht-staatlichen Einheiten geführt. Die Gefahr des einen, großen, alle vernichtenden Krieges ist zudem weniger groß als eine wachsende Zahl von Mikro-Kriegen. 

Genauso unscharf ist seine Argumentationslinie, dass das Internet zusammenbreche, wenn die wenigen Länder mit Vorkommen an seltenen Erden ihren Schotten dicht machten. Völlig außer acht lässt er bei dieser These liberale Gesellschaftstheorien. Gesellschaften, die durch Handel und Kommunikation eng miteinander verknüpft sind, haben im eigenen Interesse wenig Spaß daran, den Ast abzusägen, auf dem sie selbst sitzen. Dass Recycling eine Alternative wäre, dass technischer Fortschritt andere Technologien hervorbringen könnte, oder dass anderswo neue Vorkommen seltener Erden erschlossen werden, schließt Grüter darüber hinaus auch aus.

Wer muss bewusster mit der Internet-Infrastruktur umgehen?

Unsicher ist sich der Offline!-Verfasser auch über die zu ziehenden Schlussfolgerungen. Wir - Wen meint er damit eigentlich? - müssten uns unserer Infrastruktur bewusster werden und sie besser sichern und pflegen, fordert er. Das unterschreibt ihm jeder Politiker und jede Politikerin und nimmt es gern in die Neujahrsansprache auf. Und dann müssten wir noch unsere Energieversorgung sichern, und zwar am besten ökologisch. Auch da hat er sicher Recht. Nur warum fallen ihm dazu im Wesentlichen weltraumgestützte Solarkraftwerke ein? Diese wären angesichts des notwendigen kabellosen Energietransfers besonders anfällig für "EMP"-Angriffe, die er anderswo heraufbeschworen hat - also Waffen, die durch elektromagnetische Impulse hervorgerufene Störungen nutzen.

Insgesamt macht Thomas Grüter in seinem Buch auf ein ernstes Problem aufmerksam. Sicherlich nehmen Staaten und Gesellschaft dies weltweit noch nicht ernst genug. Einen Ausweg zeigt er vielleicht deswegen nicht auf, weil es keinen gibt. Die Grund-Analyse ist sicher zutreffend. Um die Diskussion der Folgen hat sich Grüter leider zu wenig gekümmert. Bei seiner treffend vorgebrachten Kritik der kapitalistischen Produktionsverhältnisse wäre eine Auseinandersetzung damit nun wirklich angebracht gewesen. Genauso wie eine Auseinandersetzung mit dem Wachstumsbegriff angesagt gewesen wäre. Das Internet in Grüters Verständnis dient ja vor allem dem Fortschreiten der globalen Wachstumsideologie. Wir kennen mittlerweile aber auch bedenkenswerte Ansätze für Wohlstand ohne Wachstum. Es ist also noch ausreichend Forschungsbedarf für weitere Autorinnen und Autoren da.

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