Alles andere als Meterware: Krimis von Wolf Haas und Liza Cody

Wer in die Regale der großen Buchhandelsketten oder selbst der Supermärkte schaut, glaubt schnell, es gebe nur noch Krimis am Markt. In der Tat ist das meiste davon Meterware. Es gibt einen Prolog, in dem die Tat geschildert wird, dann wird die Aufklärungsgeschichte erzählt. Gern verwendet wird dabei die Perspektive des allwissenden Erzählers. Fast noch lieber lassen die Autorinnen und Autoren die Story mit immer wieder zwischen verschiedenen Erzählpersonen wechselnden Perspektiven auf den Höhepunkt zulaufen.

Aus purem Zufall erwischte ich kürzlich aufeinanderfolgend zwei ganz andere Kriminalgeschichten. Wie eingefahren meine Krimi-Nutzungsmuster bereits sind, merkte ich dann daran, dass ich eines der beiden Bücher gleich noch mal lesen musste, weil mir wegen der ungewöhnlichen Perspektive einfach wesentliche Informationen entgangen waren.

Peng, ist der Erzähler tot

Bei diesem Buch handelte es sich um Wolf Haas' Das ewige Leben. Was für ein Erlebnis! Es ist bereits der sechste Band der Reihe um Kommissar Brenner. Was daran sofort auffällt, ist der anarchische Erzählstil. Die Handlung spielt bei Graz und wird von einem - zunächst anonym bleibenden - Erzähler in einem niederösterreichischen Singsang mit unendlich vielen Abschweifungen berichtet. Das Charakteristische daran ist, dass dieser Erzähler die wirklich wichtigen Informationen beiläufig in unauffälligen Nebensätzen versteckt - was dann auch der Grund war, warum ich bei der Erstlektüre am Ende ziemlich auf dem Schlauch stand.

Wie konsequent Haas die subjektive Erzählweise des zunächst Unbekannten - der sich später als Bewohner einer Dachgeschosswohnung in Brenners Elternhaus entpuppt - durchhält, ist meisterhaft. Dieser Berichterstatter kann ja nur das wiedergeben, was der Brenner ihm mitgeteilt hat oder was er selbst gesehen hat. Hinzu kommt eine "wilde" Story.

Eingangs erwacht Kommissar Brenner aus dem Koma, weil er angeschossen worden ist. Während alle anderen an einen Selbstmordversuch glauben, ist Brenner überzeugt, Opfer eines Mordanschlages zu sein. Der Rest der Geschichte bringt ihn auf die Spur eines Verbrechens, an dem er als Polizeischüler mit einigen anderen Kameraden beteiligt war. Dieses entpuppt sich als Grund auch für seine Verletzung.

Dass nun auch noch der Erzähler am Schluss des Buches erschossen wird, setzt der ganzen Geschichte die Krone auf. "Das ewige Leben" muss man selbst erleben! Ich habe selten eine kreativere Kriminalgeschichte gelesen.

Ob das wohl alles so stimmt?

Zunächst etwas konventioneller erscheinend, ist die Erzählerin bei Liza Codys Lady Bag die Protagonistin selbst. Diese hat es aber in sich. Denn Hauptfigur Angela ist eine Obdachlose mit einem haushohen Alkoholproblem und ausgewachsenen Wahrnehmungsstörungen. Sie spricht mit ihrer Hündin Elektra und erinnert sich noch dunkel an die Zeit, als sie eine normale Bank-Mitarbeiterin war, die leider für den falschen Freund betrog und auch noch dafür in den Knast wanderte. Danach kam sie nie mehr richtig auf die Beine: Ergebnis: Sie sitzt in der Londoner City auf dem Bürgersteig und erbettelt sich das Geld fürs Hundefutter und ihren Rotwein.

Auf Liza Codys Buch wurde ich über die Krimi-Couch aufmerksam. Oft genug habe ich bereits Enttäuschungen erlebt, wenn ich dortigen Empfehlungen folgte. Sehr oft wird oben beschriebene Meterware dort abgefeiert. In diesem Fall traf die hymnische Kritik aber ins Schwarze.

Die Handlung von "Lady Bag" ist gar nicht so kompliziert. Angela sieht auf der Straße ihren ehemaligen Geliebten, dessentwegen sie ins Gefängnis ging, mit einer Frau und folgt beiden. Dabei stellt sie fest, dass der Mann immer noch in ihrem alten Haus wohnt. Sie dringt dort ein und stolpert über die Leiche der Frau, die sie an der Seite ihres Verflossenen gesehen hat. Sie ist überzeugt, dass der Mann auch diese Frau auf dem Gewissen hat, muss sich aber vor der Polizei in Sicherheit bringen.

Aus dieser Konstellation entsteht eine Art "Road Movie" durch London. Lady Bag - sie hat eine Handtasche des Mordopfers an sich genommen - lernt komische Menschen kenen, muss einige Gefahrensituationen überstehen und zeigt uns ausführlich das harte Leben von Menschen ohne Wohnung in der britischen Kapitale. Nicht zuletzt erhalten wir tiefe Einblicke in die vom Draußen-Leben und vom Alkoholmissbrauch geschädigte Seele einer Frau, die vor gar nicht langer Zeit noch "normal" war.

Das ist die wirkliche, große Leistung der Autorin, die den Roman weit über das Krimi-Genre hinaushebt. Mit sprachlicher Meisterschaft öffnet sich uns die Gemütsverfassung ihrer Heldin. Diese Transparenz dient aber erklärtermaßen nicht der Klarheit der Kriminalgeschichte. Diese bleibt mehr oder weniger unaufgelöst. Denn Angela leidet unter Psychosen, sie hat sich in ihrem Trunkenheits- und auch den Klarphasen ein diabolisches Bild ihres Ex-Freundes geschaffen, den sie für all ihre Übel verantwortlich macht. Ob das alles so stimmt? Wir wissen es nicht und erfahren es auch nicht. Scheint anfangs die Situation klar und warten wir voller Sympathie für die gefallene Heldin darauf, dass der Übeltäter zur Verantwortung gezogen wird, sät die immer weiter in die Handlung einbrechende "Realität" massive Zweifel an den Schilderungen der Erzählerin.

Und so bleibt auch am Schluss offen, welche Wahrheit stimmt. Klar ist letztlich aber auch, dass die traurige Hauptgestalt unsere Sympathien behalten wird, egal ob sie log, spinnt oder einfach nur die Wahrheit gesagt hat.

Blog-Kategorien: