Verschlüsselt! Motivationssteigerung: erreicht! Umsetzung: Na ja!

OK, ein kompletter Neuling war ich nicht. An meinem Arbeitsplatz habe ich mir bereits E-Mail-Verschlüsselung eingerichtet (die kundenseitig zu null Prozent nachgefragt wird, was ich wirklich bemerkenswert finde). Dass ich das Konzept komplett verstanden hätte, hätte ich bis dato aber nicht behaupten können. Insofern kam das mit einigem bewerbendem Medienecho begleitete eBook "Verschlüsselt!" von Tobias Gillen gerade recht. Aus der Sicht eines totalen Anfängers habe er E-Mail-Verschlüsselung erlernt, dies in Tagebuch-Form gebracht und zu "Step-by-Step-Anleitungen zum Selbermachen" gebündelt, erfuhr ich. Das Buch reizte mich. Die überschaubaren Kosten von 2,99 Euro hinderten mich nicht am sofortigen Download. Da es mit insgesamt 57 eBook-Seiten mehr als übersichtlich ist, war es auch fix gelesen.

Meine Erfahrungen mit diesem eBook fasse ich nicht in Tagebuch-Form, sondern in einen Blog-Beitrag. Dieser reicht dafür völlig aus. Und das Fazit ist: Ein Blog-Beitrag - oder eine kleine Serie - hätte auch für Gillens eBook vollkommen genügt. Denn er berichtet nichts wesentlich Neues, was er allerdings auch nicht angekündigt hat. Er macht kaum etwas besser als andere. Und das Anleitungshafte an dem Buch gilt nur für eine eng umrissene Zielgruppe. Zu den Kosten der Veröffentlichung fallen mir zwei Schlüsse ein: Es ist nicht übermäßig teuer. Lieber hätte ich aber fünf oder sechs Euro für ein ausreichend recherchiertes Buch mit mehr Nutzwert bezahlt.

Der Haupt-Inhalt seines Buchs besteht aus der Feststellung: Hey, ich habe in kurzer Zeit die E-Mail-Verschlüsselung eingerichtet. Und nun kommt der versöhnliche und bessere Teil meiner Kritik: Ich auch! Denn eins hat Gillen geschafft: Er hat mich über den von ihm entfachten Medien-Wirbel motiviert, endlich auch Verschlüsselung für meine private Mail-Kommunikation einzurichten. Ich wage allerdings die These, dass mir dies ohne Vorkenntnisse und begleitendes Googlen als Windows- und - noch schlimmer! - Linux-Nutzer nicht gelungen wäre.

Was er wirklich gut macht ist die Erläuterung des Konzepts von öffentlichem und privatem Schlüssel. Das geschieht im ersten Kapitel "PGP - Ein Anfang bei Null". Hatte ich zu diesem Thema schon Grundkenntnisse, habe ich dann im Kapitel "S/MIME? WTF? wirklich etwas gelernt. Die Verwendung dieser Form zertifizierter Verschlüsselung für Mails war mir bis dato nicht geläufig. Klarer wurde mir auch das Konzept und vor allem der sinnvolle Verwendungszusammenhang von "Fingerprints", denen ein eigenes Kapitel gewidmet ist.

Kommen wir zu den Schritt-für-Schritt-Anleitungen, die im Inhaltsverzeichnis wirklich so heißen und nur im Titel verdenglischt wurden. Was bringen mir diese Anleitungen? Zunächst wird Windows- und Linux-Nutzern ein leicht ratloses, schuldbewusstes Schulterzucken beim Blick auf ihren Rechner entfahren. Denn eins fehlt ihnen, um den Anleitungen Gillens wirklich folgen zu können: der angebissene Apfel auf Gehäuse oder Laptop-Deckel.

Der freie Journalist ist - übllich in seiner Zunft - Mac-User. Lakonisch teilt er im Kapitel "Schritt für Schritt zu PGP" mit, er erkläre das Prozedere am Beispiel eines Macs, "Windows ähnlich" (S. 43). Nur dass das so nicht stimmt! Auch im vorangehenden Fließtext-Teil erfahren wir kaum Konkretes zum Vorgehen unter Windows. Zu Linux gibt es überhaupt keine Informationen - verständlich, dass der Angehörige der einen Betriebssystem-Minderheit die andere verschweigt. Hinweise darauf, dass unter Windows Nutzer älterer Outlook-Versionen bedröppelt nach der PGP-Integration suchen werden oder dass für Thunderbird die Erweiterung "Enigmail" angesagt wäre, suchte ich vergebens - oder habe sie überlesen.

Dass konkretere Details fehlen, geht verständlicherweise über den erklärten Anspruch des Buches hinaus. Beispielsweise betrifft dies die Frage, wie ich meinem erzeugten Schlüsselpaar eine zweite E-Mail-Adresse zuordne, was sinnvoll sein kann, wenn ich verschiedene E-Mail-Aliase für verschiedene Empfängerkreise verwende. Ich musste mich dann auch noch mit der Frage der Zeilenenden beschäftigen. Unter Windows erzeugte Schlüssel lassen sich nämlich nicht so einfach in eine Linux-Umgebung importieren. Ein Mac hat wiederum andere Zeilenende-Konventionen.

Motivationssteigerung: toll gelungen! Umsetzungsanleitung: viel zu flüchtig! Das sind noch mal kurz gefasst die Gründe, warum man Tobias Gillen sicher zu seinem PR-Coup gratulieren, gleichzeitig aber die Frage stellen darf, ob dies die Form eines kostenpflichtigen eBooks unbedingt rechtfertigt.

p.s. Wer mich verschlüsselt anmailen will, findet meinen öffentlichen Schlüssel hier.

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