Das neue BAP-Album ist die nächste Niedecken-Solo-Scheibe

Dieses Album machte mir gute Laune. Meine Befürchtungen waren enorm, was das seit einigen Monaten angekündigte Album Lebenslänglich von Niedeckens BAP betraf. Auf der BAP-Facebook-Seite wurden im Vorfeld kleine Schnipsel der einzelnen Titel veröffentlicht. Ich fand sie großteils schrecklich. Nach dem Hören des ganzen Albums dann aber die Erkenntnis: Alles nicht so schlimm. Oder, um es mit dem Titel des auch schon fünf Jahre zurück liegenden, vorigen regulären Studioalbums zu sagen: "Halv su wild". Vorab schon mal das Fazit: Es ist kein BAP-, sondern ein Niedecken-Solo-Album, gut durchhörbar, musikalisch vielfältig, aber auch etwas langweilig.

Spannend würde das neue BAP-Album auf jeden Fall werden. Das war seit seiner Ankündigung klar. Der bislang letzte Studio-Longplayer kam ja quasi noch aus einer anderen Galaxie: vor Wolfgang Niedeckens Schlaganfall, vor seinem Solo-Album "Zosamme alt", vor der bahnbrechenden Gezogene-Stecker-Tour und - am wichtigsten - vor der großen Band-Umbesetzung. Wurde BAP bis dato vom dominanten E-Gitarrenspiel Helmut Krummingas und dem Schlagwerk Jürgen Zöllers auf Rock-Kurs gehalten, fehlen beide Band-Säulen jetzt. Krumminga war bereits vor der Unplugged-Tour hinweg komplimentiert worden. Zöller hatte die Band danach verlassen. Nun bilden die Multi-Instrumentalistin Anne de Wolff und ihr Mann, Gitarrist Ulrich Rode, das musikalische Fundament von Band und Sound. Beide produzierten die neue Scheibe auch und schrieben die meisten Lieder. Am Schlagzeug sitzt jetzt der vergleichsweise junge Sönke Reich.

Die Hörerinnen und Hörer mussten sich also musikalisch auf Neuerungen gefasst machen. Insofern ähnelt das Album ein wenig der LP "Aff un zo" aus dem Jahr 2001. Damals erschien die erste reguläre Studio-Platte nach dem Ausstieg des zuvor dominierenden Gitarristen Klaus Major Heuser. Eine runderneuerte Band musste sich beweisen. Auch damals präsentierte BAP eine soundmäßig nicht ganz so Lead-Gitarren-lastige Produktion, multiinstrumentalistisch bereichert durch den heutigen Karnevalsmusikanten Jens Streifling.

Es wurde bereits gesagt: Den musikalischen Nachweis, dass BAP sich weiterhin lohnt, hat die Band zweifelsfrei erbracht. Bereits beim Live-Märchen vom gezogenen Stecker freuten sich die BAP-Fans ja über tolle Arrangements und eine Band mit erkennbarer Spielfreude. Das ist auch auf "Lebenslänglich" zu hören. Das neue Werk versöhnt die puristische Blues-Instrumentierung des "Zosamme alt"-Albums mit dem oppulenten Unplugged-Klang des folgenden Live-Albums. Dass der Sound noch deutlich bei "Zosamme alt" liegt, ist kein Zufall: Lebenslänglich wurde wieder in den USA von Stewart Lerman abgemischt und von Gavin Lurssen gemastert. Fortgesetzt wird also der Weg, den Niedecken solo eingeschlagen hatte.

Ein Glanzlicht und 13 weitere grundsolide Lieder

Alle 14 Stücke der regulären Edition sind hörenswert, wogegen in meinen Augen die beiden Bonus-Tracks der Deluxe- und der Vinyl-Edition schlicht überflüssig sind. Das Album beginnt mit "Alles relativ", einem zunächst leisen, ruhigen Stück ohne Refrain, das nach und nach eine erstaunliche Intensität entfaltet. Der Text: W. N. aus K. blickt auf sein Leben. Ach ja: "Lebenslänglich" ist die Veröffentlichung zum 40jährigen Band-Bestehen. Dann geht es weiter mit "Absurdistan", einer Midtempo-Rock-Nummer mit "politischem" Text: Ein älterer Herr versteht nicht mehr, was in der Gesellschaft abgeht. Die Erinnerung, dass BAP eine Rock-Band ist, wird dann mit "Dä Herrjott meint et joot met mir" geweckt. Wieder teilt uns Herr Niedecken mit, dass sein Leben eigentlich ganz knorke ist. Erinnerungen kommen beim Text-Setting auf an "Frau, ich freu mich".

Bitterböse ausgefallen ist die "Ballade vom Vollkasko-Desperado". Hier zieht Niedecken über die Fans vom Leder, die BAP immer noch als 80er-Jahre-Protest-Band wahrnehmen wollen. Das Thema ist nicht neu. Aus der Ballade scheinen der Müsli-Män, die ruut-wieß-blau querjestriefte Frau  und "Ne schöne Jrooß" hervor. Das Lied ist aber höchst unterhaltsam und geradezu boshaft dunkel instrumentiert - aufgelockert durch spottende Bläsersätze. 

Es folgt ein zweiliedriger Retro-Block: Im wunderschönen "Miehstens unzertrennlich" erinnert Niedecken an seine Ex-Langzeit-Freundin, die uns aus "Anna" bestens bekannt ist. "Un manchmal warste sujar treu" bescheinigt er der damaligen Dame seines Herzens, die, so las ich es in einem der inflationären Interviews zur Album-Veröffentlichung, immer noch zu seinem Bekanntenkreis zählt und mittlerweile Oma ist. Vermutlich hat man es geschafft, wenn man als Ex ein so respektvolles Lied vom Niedecken gewidmet bekommt. Gefolgt wird dieses Highlight durch das mehr oder weniger belanglose "Et ess lang her", quasi einem Making-of des BAP-Smash-Hits "Verdamp lang her". Auch wenn es logisch scheinen mag auf einem Album zum 40-Jährigen: Das hätte nicht wirklich sein müssen.

Auf BAP-Alben gibt es Köln-Lieder und "Meditationen": Die Köln-Abteilung wird durch das sehr tanzbare, rockige "Dausende vun Liebesleeder" hervorragend besetzt. "Auszeit" ist das meditative Lied, das vom In-Sich-Gehen handelt. Wer's mag!

Hochkarätig geht es weiter. "Vision vun Europa" ist für mich das Glanzlicht von "Lebenslänglich". Darin behandelt Niedecken die Migrationsthematik am Beispiel von Nordafrikanern, die in Marokko an der Grenze zur spanischen Exklave Ceuta lauern, um den günstigen Moment abzupassen, auf das Territorium der EU zu gelangen. Diese Aussicht im wahrsten Sinne auf Europa bezieht Niedecken dann auf seine Vision von Europa. Seine Band untermauert dies mit einem gigantischen Klang-Erlebnis. Im Dreier-Takt schauen ganz verschiedene europäische und afrikanische Musik-Strömungen vorbei. Ich assoziierte unter anderem Blues, Wiener Klassik, europäischen wie afroamerikanischen Chorgesang und vieles mehr.

Das ebenfalls obligatorische Liebeslied an Gattin Tina, diesmal "Zeitverschwendung" betitelt, sorgt für ein wenig Romantik und Melancholie. Ein ganz anderes Liebeslied folgt auf dem Fuße: Denn "Schrääsch hinger mir" ist nichts anderes als das. Wolfgang Niedecken verabschiedet damit den Drummer Jürgen Zöller aus der Band. Ein schönes, respektvolles Lied für einen großen Musiker!

Mit drei gegenüber dem Rest abfallenden Liedern schließt die Standard-Edition. "Sankt Florian" arbeitet sich - auch nicht selten auf BAP-Alben - an Legenden und Sprichwörtern ab. "Komisch" ist ein weiteres Bob-Dylan-Cover (Simple Twist of Fate), das im Umfeld der Leopardefell-Aktivitäten Ende der 1990er Jahre bereits einmal veröffentlicht wurde. Die damalige Version mag ich lieber. "Unendlichkeit" ist eine weitere Meditation, die nicht groß der Rede wert ist.

Alleinstehende, raue Stimme singt nicht überraschende Texte 

Was fällt auf an den "Lebenslänglich"-Liedern? Die Texte sind nicht überraschend. Alle Thematiken hatte Wolfgang Niedecken so oder so ähnlich bereits im Angebot. Neu sind die Retro-Stücke. Möglicherweise ist das ein Test, ob es funktioniert, quasi Text-Wiederholungen und -Updates zu singen. Vor allem aber springt einem förmlich die Stimme Wolfgang Niedeckens ins Ohr. Ist das Band-Arrangement auf allen Stücken sehr ausgewogen und immer eine Spur zurückhaltend, so ist es Niedeckens Stimme nicht. Sie ist vor dem Hintergrund des Band-Sounds immer alleinstehend, ist rau, verschweigt nicht ihre Sing-Schwäche und wirkt zerbrechlich - zweifellos eine bewusste Entscheidung von Produzenten und Mixern, sonst wäre zu Backing Vocals gegriffen worden. Diese fehlen nahezu komplett.

Ein weiteres fällt massiv auf: Dazu musste ich erst einige Durchgänge "Lebenslänglich" hören und dann zur Vorgänger-Scheibe "Halv su wild" wechseln. "Lebenslänglich" hat einen Mangel: Es "geht nicht ab". Da ich bereits bei "Halv su wild" die textliche Einfallslosigkeit Niedeckens bemängelte, bleibt die Musik. Die gefällt mir beim 2011er-Album deutlich besser.

"Halv su wild" ist ganz eindeutig eine Rock-Platte. Dort hören BAP-Fans eine spielfreudige, treibende Rock-Band. Auf "Lebenslänglich" fehlt dieser Aspekt. Selbst die rockigen Stücke kommen "kultiviert" daher, Gitarren sind ein wenig mehr nach hinten gemischt, Soli kürzer. Auch das Schlagzeug hat eine andere Aufgabe. Jetzt liefert Sönke Reich grundsolide Arbeit ab. Zuvor trieb Jürgen Zöller mit fordernden Beats den Sound nach vorn. Nicht umsonst bezeichnet ihn Niedecken in "Schrääch hinger mir" als Fitzcarraldo und weckt Assoziationen an den durchaus wahnhaften Klaus Kinski.

BAPs "Halv su wild" war für mich ein Album, das nach einem von Stirnrunzeln begleiteten ersten Hören von Mal zu Mal besser wurde. "Lebenslänglich" schmeichelt sich beim ersten Hören ins Ohr. Es wird aber nicht besser, je häufiger es im CD-Player landet. Es steht zu befürchten, dass es sich ähnlich entwickelt wie auch schon "Aff un zo". Es ist ein Album "irgendwie dazwischen", ohne das "gewisse Etwas".

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