Und immer noch sind die Frauen selbst schuld

Dass der Artikel sicher gezielt jetzt nach seiner Spitzenkandidatur veröffentlicht wurde? Geschenkt! Dass er möglicherweise ein "Abklatsch" des wegweisenden Textes von Annette Meiritz im Spiegel über Sexismus bei der Piratenpartei und in der Politik ist? Geschenkt! FDP-Bundestagsfraktionschef Rainer Brüderle kommt in dem Stern-Artikel von Laura Himmelreich nicht gut weg. Im Klartext: Ihm wird sexuell grenzwertiges bis übergriffiges Verhalten vorgeworfen. Auf einem gewissen Altherrenwitz-Niveau scheint der oft gut gelaunte Liberalen-Senior jüngeren Frauen gegenüber gern Anzüglichkeiten von sich zu geben. Ob die Vorwürfe stimmen, weiß ich nicht. Bestätigungen über die Stern-Beschuldigungen hinaus scheint es nicht zu geben.

Dass solche Artikel nötig sind, zeigen die Reaktionen darauf. Kann es denn sein, dass ein Mensch wie Wolfgang Kubicki sich bei Spiegel Online derart zitieren lässt, dass er sich wundere, dass  "die junge Journalistin offensichtlich über ein Jahr gebraucht hat, um ihr Erlebnis zu verarbeiten"? Angebrachter gewesen wäre ein Hinweis, dass Brüderles Benehmen wohl arg zu wünschen übrig gelassen habe.

Oder es gibt diesen Blog-Beitrag, der immerhin am Anfang einräumt, dass ein solches Verhalten, falls es sich so zugetragen haben sollte, "schlimm" ist. Dann kommt aber dies:

"Die meisten Journalisten, die etwas auf sich halten und ihrem Beruf gewissenhaft nachgehen[,] wissen, dass Interviews von politischen Größen in der nächtlichen Hotelbar unerwünscht, ja geradezu verboten sind."

Übersetzen wir das mal: Interviews in Hotelbars machen also nur Journalist(inn)en, die nichts auf sich halten, ihren Beruf nicht gewissenhaft ausüben und gegen Verbote verstoßen. Noch eine Stufe weiter übersetzt: Was der Stern-Journalistin passiert ist, falls ihre Anschuldigungen zutreffen, ist zwar schlimm, aber eigentlich ist sie selbst schuld.

Ich mag so etwas nicht mehr hören und twitterte dem Autor der obigen Zeilen meinen Missmut. Seine Antwort zeugt davon, dass wir auf zwei völlig unterschiedlichen Ebenen kommunizieren.

Es ist das immer gleiche Muster: Frauen müssen sich rechtfertigen - und nicht die Männer -, wenn Männer sich ihnen gegenüber  im Benehmen vergreifen. Ich habe keine journalistische Erfahrungen auf höherer Ebene, aber vieljährige lokaljournalistische Praxis. Und zumindest auf lokalpolitischen Veranstaltungen kam es - zumindest war das so bis vor knapp zehn Jahren, als ich noch journalistisch arbeitete - immer wieder zu ähnlichen wie den beschriebenen Szenen gegenüber jungen Kolleginnen.

Was ist denn eigentlich so schwer an der Feststellung, dass kein Mann das Recht hat, sich übergriffig gegenüber Frauen zu benehmen? Nicht im Bus, an der Hotelbar, im Aufzug, auf der Straße, nicht gegenüber jungen Frauen, auch nicht gegenüber alten Frauen, nicht betrunken, nicht nüchtern, nicht gegenüber Idioten, nicht gegenüber Profis, nicht privat, nicht öffentlich. Überhaupt nie!

 

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