Biographie von Keith Richards gelesen. Ja und?

Lange Autofahrten werden für mich erst schön durch Hörbücher, die mir Kilometer um Kilometer das Fahren auf der Autobahn versüßen. Für die kürzlich anstehende Anfahrt zu einer Messe fiel meine Wahl auf die Autobiographie "Life" von Keith Richards. Der Mann ist ein Gitarren-Gott, seine Riffs haben mehrere Generationen Rock-Musik beeinflusst, dass sein Leben überhaupt noch andauert, ist angesichts seines Drogenkonsums ein kleines Wunder. Dass das Hörbuch, eine gekürzte Fassung, von NDW-Urgestein Stephan Remmler gelesen wird, versprach Spannung. Und nicht zuletzt: "Nach Bob Dylans Biografie ist Richards Buch wahrscheinlich die beste Rock-Memoire, die je geschrieben wurde." So zitiert die Website des deutschen Rolling Stone den Chefredakteur der US-Ausgabe.

Nun, Bob Dylans "Chronicles, Vol. 1" habe ich auch gehört - gelesen von "Südstadt-Dylan" Wolfgang Niedecken. Die Autofahrt ist absolviert. Das Buch ausgehört. Zurück bleibt ein leeres Gefühl. Die vielen guten Kritiken - wie etwa diese -, die "Life" bekam, kann ich nicht nachvollziehen. Ein Grund dafür mögen arg rabiate Kürzungseingriffe in den Erzählverlauf sein. Geboten wird dem Zuhörenden ein wirres Potpourri von Szenen aus Keith Richards' Leben. Erzählt wird in einfachen, schnörkellosen Sätzen, die in der Tat gut mit Stephan Remmlers lakonischer Lese-Art harmonieren.

Aber weder die Schilderungen der typisch englischen Lower-Middle-Class-Kindheit des späteren Millionärs, noch die Erählungen, wie der Blues der 1950er Jahre ihn packte und auch nicht die Auseinandersetzungen mit seinen Band-Kollegen haben vermocht, mich zu fesseln. Gleiches gilt für die Darstellung seiner festeren Beziehungen. Klar, ein langes, ereignisreiches Leben wie dieses lässt sich vermutlich nicht stringent zwischen Buchdeckeln erzählen. Nur sind diese hingeworfenen Erzähl-Fetzen nicht Fisch und nicht Fleisch. Irgendwann ist Richards drogensüchtig, dann erzählt er von seinem Entzug. Dass ein solcher hart ist, wissen geneigte deutsche Leserinnen und Leser seit den 1980er Jahren, wenn sie Christiane F. gelesen haben.

An keiner Stelle hatte ich das Gefühl, ein roter Faden halte, wenn auch nicht Richards' Leben, so wenigstens dessen Erzählung zusammen. Nicht einmal die Stones selbst fungieren als verbindendes Element in dem Buch. Breiten Raum nimmt Brian Jones ein. Klar, dem früh verstorbenen Gitarristen hat Richards die Freundin ausgespannt. Da besteht auch nach mehr als 40 Jahren Erklärungsbedarf. Mit Jones verfährt der zerknitterte Sechs-Saiten-Virtuose wie auch mit seinem Freund Mick Jagger. Er betreibt zunächst reichlich üble Nachrede, bemängelt diese und jene Charakterschwächen, um im nächsten Schritt die Freundschaft zu den Beschuldigten zu beschwören. Wie ein Mantra zieht sich durch das Buch (da ist dann doch ein kleiner roter Faden erkennbar), dass Jagger sich verändert habe. Vermutlich ist der Stones-Sänger einfach nur erwachsen geworden, was sich der Pop-Star im Rentenalter kurzerhand gespart haben mag.

Auffallend ist an Richards' Geschichte das Fehlen jeder Reflexionsebene. Da erinnert sich ein alter Mann an etwas, weiß mit dieser Erinnerung aber offenbar nicht viel anzufangen. Insgesamt verfestigte sich beim andauernden Hören des Textes bei mir der Eindruck, dass Keith Richards ein eher schlicht gestrickter Charakter zu sein scheint. Interessant wäre zu erfahren, ob dies eine Folge seines Drogen-Missbrauchs ist, oder ob "Keef" schon immer so war.

Fazit zu Keith Richards Autobiographie "Life": Nun habe ich sie gehört. Es wäre aber auch nicht schlimm gewesen, ist hätte es gelassen.

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