Danke für #dietotenkommen!

Und dann bekommst du ein schlechtes Gewissen und schämst dich. Klar, wie die Europäische Union Flüchtlinge behandelt, findest du unwürdig und es macht dich betroffen. Aber hey, immer wieder spendest du für Pro Asyl. Das Elend der im Mittelmeer ersaufenden Flüchtlinge hast du auch auf dem Schirm. Denn auch Watch the med wurde von dir bereits mit einer Zuwendung bedacht. Schon vor 20 Jahren warst du mal aktiv in der Flüchtlingsarbeit in deinem Heimatort.

Als das Zentrum für politische Schönheit vorige Woche seine Aktion "Die Toten kommen" (#dietotenkommenin Berlin startete, warst du deshalb auch nicht "geschockt". Dass an den Mittelmeerküsten unhaltbare Zustände herrschen und die italienischen Gemeinden dort mit der Aufnahme der Bootsflüchtlinge überfordert sind, ist dir nicht neu. Die Form des Protestes ist hart aber angemessen, das ist doch klar. Denn der Skandal ist ja nicht, dass Flüchtlinge in Deutschland öffentlichkeitswirksam, aber immerhin würdevoll, beerdigt werden, sondern dass sie (1) überhaupt im Mittelmeer ertrinken müssen und dann (2) bisweilen an der Küste einfach namenlos verscharrt werden.

Etwas irritierend war dann doch, dass gestern, am Sonntag, ein Massenauflauf in Berlin stattfand. Zunächst sollte am Bundeskanzleramt ein Gräberfeld für Flüchtlinge angelegt werden. Das wurde untersagt. Letztendlich stürmten mehr als 5000 Demonstranten auf die Wiese vor dem Reichstag und errichteten dort zahlreiche symbolische Grabstätten. Das wurde nicht nur zustimmend kommentiert. Du verfolgtest das Geschehen dort mit leiser Sympathie auf Twitter. Und dann flog der Hinweis durch deine Twitter-Timeline - oder war es auf Facebook? -, dass am Samstag in der taz die begleitende Reportage erschienen sei, dass das Zentrum für politische Schönheit in Italien 17 Flüchtlingsleichen übereinander gestapelt in einem Kühlschrank einer Pathologie gefunden habe.

Da kamen mir die Tränen. Auch aus Scham. Ich hatte Samstagmorgen durch die taz geblättert. Die Reportage bemerkt. Ohne zu lesen weitergeblättert, obwohl ich ein irritierendes Foto wahrnahm. Nicht schon wieder eine Lampedusa-Geschichte. Ich bin doch informiert genug.

Nun las ich doch. Die Reportage kann man schlecht nacherzählen. Man muss sie selbst "erleben". Es gibt darin keine Gewissheiten. Es ist einfach nur ein fürchterliches Drama. Das Foto ist wohl echt. 17 tote Afrikaner. In Plastiksäcken. In einem Kühlschrank aufeinandergestapelt. Und in Berlin regen sich manche auf, es sei pietätlos, wenn mittels #dietotenkommen die Leichen der Mittelmeerflüchtlinge brachial in unser Bewusstsein gestoßen werden? Oder dass gar der Rasen vor dem Reichstag Schaden nimmt?

Ich fürchte, wir sind nie informiert genug, nie achtsam genug, um diese unsagbare Tragödie zu stoppen. Wir machen lieber weiter wie bisher, stapeln Flüchtlinge praktisch in Blechcontainern am Ortsrand und sehen ansonsten zu, dass sie möglichst Europa gar nicht erst erreichen (Keine Anreize schaffen!). Dass anstrengende Flüchtlingselend-Reportagen uns nicht das Frühstück vermiesen.

Danke an die Aktiven von #dietotenkommen in Berlin dafür, dass sie uns nicht erlaubt haben, das Thema einfach zur Seite zu wischen!

PS: Ich habe mich immer noch nicht bei den freiwilligen Helfern für die bald zwei Flüchtingsunterkünfte hier am Ort gemeldet.

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