Pro-russische Kernkraftpropaganda: Von Zweifeln nicht nur sauber, sondern rein

Russisches Kernkraftwerk Beloyarsk. (Quelle: Wikimedia Commons)

Die Nuklearia, diese nach meiner Meinung hemmungslos kernkraftfreundliche Vereinigung, erfreut uns ja immer wieder einmal mit Berichten über heilsbringende Kernkrafttechnik, die uns die bösen Grünen vorenthalten wollen. Vorgestern war es mal wieder soweit. Berichtet wurde über den Reaktor BN-800 am russischen Kernkraftwerk Beloyarsk, östlich des Urals, nahe Jekaterinenburg, nicht weit von der Mongolei und Kasachstan entfernt.

Der Artikel, geschrieben vom Vereinsvorsitzenden Rainer Klute und Dominic Wipplinger, ist abermals ein schönes Beispiel für das Vorgehen der Nuklearia. Die Lesenden werden mit - wahrscheinlich korrekten - Fakten bombardiert, um ihnen zu verdeutlichen, wie groß der Nutzen der Kernenergie sei und dass es keinen Grund zu übertriebener Skepsis gebe. Der Aufhänger in diesem Fall ist: Der neue natriumgekühlte Reaktor (es ist der vierte Reaktor und der zweite natriumgekühlte im schon seit 1964 laufenden Kraftwerk) soll mit Plutonium anstatt Uran betrieben werden und so der Vernichtung waffenfähigen Plutoniums dienen. Klasse Sache, oder?

Wie immer hat die Nuklearia sicher recht, dass das Thema Kernkraft hier und da eine etwas nüchterne Diskussion vertragen könnte. Und wie immer verwechseln sie dieses Ansinnen mit Pro-Atom-Propaganda. Es beginnt mit der Kleinigkeit, dass sie uns Uralt-Technik als neu verkaufen, was man bei genauem Lesen allerdings ihrem Artikel entnehmen kann. Denn bereits seit mehr als 30 Jahren verrichtet ein etwas kleinerer natriumgekühlter, schneller Reaktor, der BN-600, in Beloyarsk seinen Dienst als Reaktor 3.

Dem Spiegel ist dann zu entnehmen, dass der neue Reaktor, der dieses Jahr angefahren werden soll, unter Zeitdruck fertiggestellt werden muss und dass er möglicherweise nicht ausreichend getestet ist. Liest man sich dann das Interview der Technology-Review vom vorigen August mit Rosatom-Vertreter Sergey Boyarkin zur Sicherheit des neue Reaktors durch, werden die Zweifel auch nicht kleiner. Ähnlich kommunikativ wie früher Mitglieder des KPDSU-Politbüros argumentiert er nach dem Muster: "Das Kernkraftwerk ist sicher, weil es sicher ist."

Und dann gibt es noch das immer wieder schöne Spielchen, beeindruckende technische Daten zusammenhanglos zu präsentieren. So lernen wir von der Nuklearia, der neue Reaktorbehälter sei gegen den "Absturz eines kleineren Passagierflugzeugs von 5,7 t bei einer Absturzgeschwindigkeit von 360 km/h" sicher. Was aber ist ein Flugzeug dieser Größenordnung? Laut Wikipedia endet bei einem Gewicht von 5,7 Tonnen die Klasse der Leichtflugzeuge. Der Reaktor hält es also aus, wenn eine Cessna 172 auf ihn fällt.

Außerdem verrät die Nuklearia, der Reaktorbehälter halte "Erdbeben mit Horizontalbeschleunigungen bis zum 0,1fachen der Erdbeschleunigung" aus. Die Erdbeschleunigung entspricht 1 g. Also entspricht der genannte Wert 0,1 g ("10 Prozent g"). Das scheint mir eine eher geringe Erdbeben-Festigkeit zu sein. Vom zerstörten KKW Fukushima wissen wir, dass es entgegen der Vorschrift, "60 Prozent g" auszuhalten, nur für Beben von "18 Prozent g" ausgelegt war. Das Fukushima-Beben habe eine Stärke von "25 Prozent g" gehabt (alles zitiert nach diesem ORF-Artikel). Nun liegt Fukushima in einem Erdbeben-Hochrisikogebiet. Aber auch die russischen KKWs werden offenbar gern dorthin gebaut, wo die Erde bisweilen wackelt, meint zumindest Contratom. Zumindest die nahe gelegene Mongolei gilt nach Einschätzung des Schweizerischen Departments für auswärtige Angelegenheiten als Erdbebengebiet. Dort und auch in Sibirien wackelt die Erde hin und wieder durchaus beachtlich wie beispielsweise im Jahr 2012.

Ob wegen der genannten Argumente der neue Reaktor abzulehnen ist? Ich weiß es nicht und kann es nicht beurteilen. Gezeigt habe ich allerdings, so glaube ich, dass für Jubel kein Grund besteht, vielmehr gesunde Skepsis anzuraten ist. Nach wie vor liegt nach meiner Einschätzung der Weg in die Energie-Zukunft in einer Dezentralisierung der Energieerzeugung, im Energiesparen und in der besseren Nutzung regenerativer Energien.

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1 Kommentar

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Jan

Danke für den Hinweis auf unseren Artikel zum BN-800!

Du führst den Spiegel-Beitrag als Beleg für deine Kritik an. Aber hast du den mal auf Fehler durchgesehen? Es sind so einige drin. Besonders krasses Beispiel: »Er [Jewgenij] macht sich Sorgen um die Schweißnähte, Rohrleitungen und Ventile des Kühlsystems, die allesamt stark genug sein müssen, der Kernspaltungsenergie von 34 Tonnen Waffenplutonium standzuhalten.«

Oh, oh, wer wird es dem unbedarften Leser da verdenken, wenn er vermutet, im Reaktor würde Waffenplutonium explodieren! Das ist natürlich Unfug, doch dem Spiegel ist das egal. Er suggeriert gleich an mehreren Stellen, das Plutonium könne jederzeit explodieren, wenn man mal nicht aufpasse. Offenbar vertraut er darauf, daß der Leser davon keine Ahnung habe. Bei den weitaus meisten dürfte er damit recht haben, und so führt die Panikmache zum gewünschten Erfolg.

Die Wirklichkeit ist profaner. Abgesehen davon, daß die MOX-Brennelemente nicht einfach so explodieren können, sind auch die Anforderungen an »Schweißnähte, Rohrleitungen und Ventile des Kühlsystems« nicht höher, sondern durch den Betrieb unter Normaldruck sogar geringer als beim üblichen Leichtwasserreaktor. Ich zitiere aus dem Nuklearia-Artikel:

  • »Anders als bei einem wassergekühlten Reaktor steht der BN-800 nicht unter Überdruck. Vielmehr ist der Reaktorbehälter im Grunde nichts weiter als ein mit Natrium gefüllter großer Topf, in dem sich außerdem Reaktorkern, Pumpen, Wärmetauscher und so weiter befinden. Das alles steht unter normalem atmosphärischen Druck, was die möglichen Folgen bei Schäden im Primärsystem reduziert.«
  • »Brüche in Rohren, Pumpen oder anderen Komponenten des Primärkreises führen zu keinem Kühlmittelverlust, da der Primärkreis des BN-800 ja wie erwähnt vollständig im Reaktorbehälter steckt.«

Wir führen das in unserem Artikel ja weiter aus und gehen auch auf andere Arten von Stör- und Unfällen ein. Wer weitere Details wissen will, sollte sich die von unserem Artikel referenzierten Dokumente zu Gemüte führen, insbesondere "Transient and accident analysis of a BN-800 type LMFR with near zero void effect".

Mit deiner Kritik an der Sicherheit gegenüber Flugzeugabstürzen hast du natürlich recht. Diese Kritik teilen wir. Du solltest dann allerdings auch auf die Folgen bei auslegungsüberschreitenden Unfällen hinweisen und sie etwa zu Tschernobyl oder Fukushima in Relation setzen. Was wären die schlimmsten radiologischen Folgen etwa bei einem Flugzeugabsturz? Maximal 23 mSv in 3 km Entfernung!

Schöne Grüße
Rainer Klute