Mein Produkt funktioniert gut. Und nun? Ändern wir die Verpackungsgröße und machen es wie Waschmittel-Werber!

Stelle ich ein gutes Produkt seit Jahrzehnten erfolgreich her, bin ich eigentlich eine arme Sau. Alles funktioniert so, wie es soll, die Kundinnen und Kunden sind zufrieden, der Absatz ist stabil, Verbesserungen scheinen kaum möglich. Wenn ich schon inhaltlich nichts ändern kann, arbeite ich wenigstens am schönen Schein. Flugs wird die Verpackung umgestaltet. Denn Verpackungen sind an marketingfähigen Produkten fast das wichtigste: Denn mit der Verpackung werden optische und haptische Informationen über ein Produkt transportiert, bevor es überhaupt angewendet worden ist. Das habe ich mir nicht ausgedacht, sondern vom Mittelstandsportal der Braunschweigischen Sparkasse entlehnt. Über das gute Aussehen und das gute Anfass-Gefühl wollen Verpackungen sagen: "Kauf mich! Ich bin das, was Du benötigst!" Die möglicherweise hilfreichen weiteren Informationen auf der Produkt-Umhüllung sind da nur Beiwerk.

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Vor ähnlichen Problemen mag ein Leverkusener Chemie-Riese gestanden haben, der seit 1899 in Acetylsalicylsäure macht. Das Präparat funktioniert, beseitigt Kopf- und andere leichte Schmerzen zuverlässig. Besser kann man es kaum machen. Die Verbraucherinnen und Verbraucher kaufen das Zeug, obwohl es verglichen mit Nachahmer-Medikamenten seinen Preis hat. Und nun? Erfolgreich probiert wurden bereits sogenannte Line Extensions: Ums erprobte Produkt herum wurden weitere Darreichungsformen entwickelt, beispielsweise das Kopfschmerzmedikament nicht als Pille, sondern als Brause. Auch die Beimengung von Vitaminen scheint sich bewährt zu haben.

Nun bin ich ein klassischer Nutzer dieser Anti-Pein-Arznei - über 40 und markentreu. Hin und wieder greife ich zur 20er-Packung mit 500 Milligramm Wirkstoff pro Tablette und zahle einen guten Preis dafür. Meist lag er in der Apotheke unter sechs Euro. Gleiches machte ich gerade und traute meinen Augen nicht: Überreicht wurde mir eine geradezu elefantöse Verpackung, die auch gleich ein wenig teurer war: 6,47 Euro. Zur neuen Verpackungsgröße solle eine schnellere Wirksamkeit des Medikaments hinzutreten, entschuldigte man in der Apotheke noch Mega-Preis und -kartongröße. Auf der Produkt-Homepage nennt sich das ganze "Microaktiv-Technologie". Das klingt ein wenig wie eine Produkteigenschaft eines besonders gut fettlösenden Waschmittels, finde ich.

Bis dato sahen die Verpackungen eigentlich aus, wie es uns der rheinische Tabletten-Gigant auf seiner Internetseite vor einigen Jahren anpries. Nun ist die Göße schätzungsweise verdoppelt worden. Außerdem wurden die Tabletten aus Zehner- in Vierer-Blister umsortiert, die wirken, als enthielten sie Elefanten-Arznei-Medaillons - in der bereits verwendeten Waschmittel-Werbesprache könnte man hier von "Megaperls" sprechen. Richtig beruhigend ist es da, dass die Tablette nach dem Auspacken ungefähr die gleiche Größe hat. Sie wurde lediglich - anders als zuvor - mit einem leicht glatten, schlecht schmeckenden Lack umhüllt.

Während oben von Line Extensions die Rede war, hat das Pharma-Unternehmen hier wohl eher zur Line Modification gegriffen. Wie beim Waschmittel prangt auch noch ein rot hinterlegtes "Neu" auf der Verpackung - wie damals bei Persil, "Da weiß man, was man hat". Immerhin enthält der deutsche Kopfschmerzbekämpfungsklassiker immer noch die gleiche Menge Inhalt. Andere Produkte greifen gern zu dem Trick, weniger Inhalt in mehr Hülle zu stecken. In diesem Fall ist es nur mehr Hülle für teureres Geld. Fest steht auf jeden Fall, dass dieses Medikament nun noch mehr Müll produziert. Dass es schneller wirkt, mag sein. Ich habe das nicht wirklich bemerkt.

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