Relativieren, lavieren, ablenken: Tirsales

Einige führende Piraten liefern fortlaufend den Nachweis ihrer fehlenden Medienkompetenz. Der Bundesvorsitzende dieses lustigen Vereins, Sebastian Nerz, hat heute die Piraten-Öffentlichkeit in Aufruhr versetzt mit Interview-Äußerungen in der Passauer Neuen Presse, wonach seine Wunsch-Koalition eine aus Grünen, FDP und Piraten wäre. Das ist natürlich Blödsinn. Weshalb es auch einen ansprechenden Entrüstungssturm auf Twitter nach sich zog.

Es irrt wer glaubt, nur Politiker anderer Parteien seien glitschig und stünden nie zu ihren Meinungen. Denn seit jeher agiert der offensichtlich überforderte Bundesvorsitzende der Piraten auch so. Bereits im vorigen Herbst wollte er alles so nicht gemeint haben, als er frühere NPD-Mitgliedschaften von Parteifreunden in einem Welt-Interview als "Jugendsünden" verharmloste. Weitere Piraten haben ein Wahrnehmungsproblem bei Thema Nazis. Dazu schrieb ich etwas Anfang Dezember.

Und nun? In diesem aufschlussreichen Blog-Beitrag vertritt Nerz die These, die Koalitionsfrage in Interviews sei Folklore und sowieso so blödsinnig, dass dies ihn berechtige, darauf auch Blödsinn zu antworten. Denn natürlich sei seine prognostizierte Koalition fernab jeder Eintrittswahrscheinlichkeit.

Zwar ist es aufschlussreich, dass er damit indirekt eingesteht, Unsinn geredet zu haben. Besorgniserregend für den Vorsitzenden einer Partei, die möglicherweise in weitere Parlamente einziehen wird, ist aber sein Lavieren, Relativieren und Ablenken. Warum sagt er nicht im Klartext: Ich habe einen Fehler gemacht? Oder steht zur Abwechslung mal zu seinen Aussagen? Und wenn ihn die Koalitionsfragen der Journalisten so nerven, warum antwortet er darauf? Und überhaupt: Die Option, einfach nur gute Politik im Parlament zu machen, möglicherweise sogar in der Opposition, spielt in Nerz' Wahrnehmung offenbar keine Rolle.

Auf all dies gibt er keine Antwort. Ebenso wie er in seinem Text eins komplett außen vor lässt: Im selben Interview hat er eine Koalition mit der Linkspartei ausgeschlossen. Warum? In vielen Punkten sind die Piraten programmatisch nah an den Linken. Kombiniere ich diese merkwürdige Haltung mit der Junge-Union-Vergangenheit Nerz' und seinen Schwierigkeiten, sich klar von Nazis in seiner Partei abzugrenzen, wird mir ehrlich gesagt schwindlig.

Ich bin kein Pirat, hoffe als partieller Sympathisant aber, dass die Parteimitglieder beim nächsten Bundesparteitag ein Einsehen haben und ihren irrlichternden Vorsitzenden zurück ins Schwabenland schicken.

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1 Kommentar

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Jan

Das schlimme ist, selbst wenn er zurück ins Schwabenland geschickt wird, wird er im LV BaWü mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit Spitzenkandidat und damit eventuell in den Bundestag einziehen.