Was wäre passiert, wenn Ernst Nolte heute den Historikerstreit losgetreten hätte? Und was hat das mit Frau Lohfink zu tun?

Achtung, in diesem Text kommen sowohl der Historiker Ernst Nolte als auch das TV-Sternchen Gina-Lisa Lohfink vor. Ein wilde Mischung. An einem gewissen Punkt treffen sich aber meine Gedanken zu beiden.

Am 19. August wurde bekannt, dass der Historiker Ernst Nolte gestorben ist. Die französische "Libération" bezeichnet ihn fälschlicherweise als "größten Nachkriegshistoriker Deutschlands" (so steht es in diesem Artikel). Sein Name steht für den Historikerstreit.

Seit ich von Noltes Tod las, beschäftigt mich die Frage: Was wäre eigentlich passiert, hätte der Mann seine Thesen heute veröffentlicht?

Ich bin mir annähernd sicher, dass es zu einem Historikerstreit, wie wir ihn nun als Teil der deutschen Geistesgeschichte kennen, nicht gekommen wäre. Klar, Nolte hätte in den sogenannten sozialen Medien eine Empörungswelle ohnegleichen geerntet. Online-Petitionen, Demonstrationen, vermutlich auch körperliche Übergriffe auf ihn wären die Folgen gewesen.

Was vermutlich ausgeblieben wäre, wären die durchaus konstruktiven Folgen, die die Debatte seiner Thesen zeitigte. Denn es lässt sich nicht verhehlen: Die eindeutige Feststellung, dass die nationalsozialistische Gewaltherrschaft einzigartig war und nicht relativiert werden sollte, geht auch und gerade auf die Auseinandersetzung um Nolte zurück. Der Direktor des Münchener Instituts für Zeitgeschichte befürchtete im Deutschlandfunk anlässlich des Dreißigjährigen des Historikerstreits allerdings, dass dieser Konsens mittlerweile wieder bröckele. Aus konservativer Sicht bezieht dieser Artikel in der Welt die Folgen des Historikerstreits auf den heutigen Wutbürger-Trend, der im Erfolg der extrem-rechten AFD seinen Ausdruck findet.

Meine These dazu, warum Noltes revisionistische Veröffentlichungen so konstruktive Folgen hatten: Klar, einerseits wurden sie im restaurativen Zeitgeist der beginnenden Kohl-Ära verfasst. Wirklich wichtig ist aber die zeitliche Entschleunigung. Nolte schreibt etwas in der FAZ. Es vergehen mehrere Wochen, bis Habermas in der Zeit opponiert. Weitere mehr oder weniger fachkompetente Autoren äußern sich im einen oder anderen Medium. Der ganze Prozess zieht sich zwei und mehr Jahre hin. Mediale Einordnung spielt eine große Rolle. Obwohl es durchaus gesellschaftsweite Folgen gab, kamen kaum "normale" Bürgerinnen und Bürger zu Wort.

Ob das gut oder schlecht war, darüber mag gestritten werden. Allerdings spielte sich die Diskussion in einem Umfeld ab, in dem es Konsens war, sich an gewisse kommunikative Regeln zu halten. Die Diskutierenden konnten sich außerdem sicher sein, bei ihren Gegenübern ein Minimum an Fachwissen vorzufinden. Das war sicher alles hilfreich.

Womit wir bei Frau Lohfink wären. Wir erleben gerade ein riesiges Medienecho, weil sie wegen falscher Verdächtigung verurteilt wurde. Nach ihrer Darstellung wurde sie vor einigen Jahren vergewaltigt. Ein von den zweifellos mehr als widerwärtigen Gestalten, mit denen sie die Nacht verbrachte oder verbringen musste, gegen ihren Willen gefilmtes und veröffentlichtes Video solle die Gewalttat beweisen. Das Amtsgericht folgte ihr nicht und sprach eine hohe Geldstrafe aus. Mehr dazu in nahezu jedem deutschen Online-Medium, beispielsweise hier bei Spiegel Online.

Wird das gewaltige Medienecho nachhaltige gesellschaftliche Folgen haben? Ich bezweifle das. Zwar kam es zu einer starken Solidaritätswelle von "Netzfeministinnen" mit dem Fernseh-Phänomen. Politiker/innen fühlten sich bemüßigt, den Grundsatz  "Nein heißt Nein" nun endlich auch gesetzlich zu verankern, was aber unmittelbar mit dem Lohfink-Fall nicht zusammenhängt. Die Diskussion rumorte schon länger. Und - so entnahm ich der Berichterstattung - am konkreten Urteil auch dann nichts ändern würde.

Allenfalls werden Gräben aufgerissen worden sein. Das Justizsystem hat wegen der öffentlichen Aufmerksamkeit sicherlich mit extremer Gründlichkeit die rechtliche Beurteilung (auf Basis der heutigen Gesetzeslage) des Falls vorgenommen und gezeigt, dass ein Rechtsstaat auch für Widerlinge gilt. Dem gegenüber stand eine große Menge aus ihrer Sicht zu Recht empörter Aktivistinnen und Aktivisten, denen sich Frau Lohfink bediente oder die sich Frau Lohfinks bedienten, das ist nicht ganz klar. Hinzu kam eine geile Medien-Meute.

Eine der meistgehörten Argumentationen war: Aus dem Video gehe doch klar hervor, dass der Sex nicht einvernehmlich gewesen sein könne. Die durch massenhaften Voyeurismus verletzte Intimsphäre Frau Lohfinks versetzte also das Massenpublikum in die Lage, sich ein Urteil zu erlauben. Ich weigere mich, nach diesem Machwerk zu googlen und es anzuschauen. Ich kann nur sagen: Ich weiß es nicht, verstehe von Jura definitiv zu wenig und will mich nicht dazu äußern. Das müssen bitteschön Akteure tun, die dafür zuständig und kompetent sind.

Als nun die dafür zuständige Institution in offensichtlicher Deutlichkeit zu einem anderen Urteil kam als die sowieso auf eine andere (aus politischer und nicht juristischer Sicht hergeleitete) Entscheidung festgelegten Unterstützerinnen und Unterstützer, war die Empörung abermals groß. Sowohl die Beklagte als auch die Unterstützer/innen verließen direkt nach dem Urteilsspruch wutschnaubend den Gerichtssaal. Das ist mindestens respektlos.

Was nach meiner Beobachtung nicht stattfindet, ist innezuhalten, seine Position zu hinterfragen oder auch nur zu erkennen, dass ein Sachverhalt möglicherweise zu komplex ist, um ihn öffentlich und laut ausschließlich in der ein oder anderen Weise zu kommentieren. Diese Möglichkeit hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Historikerstreits durch die langsamer pulsierende Medien-Maschinerie der damaligen Zeit noch. Heute werden - so fürchte ich - zwei öffentliche Gegenparteien zurückbleiben, die sich wechselseitig missverstanden fühlen. Weitere Konfrontationen sind die Folge.

Ich würde mir wünschen, es käme eine sachliche Diskussion in Gang, wie Gewaltopfer respektvoll behandelt werden können.

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