Wahlplakate von CDU, FDP, Linkspartei, Piraten: Eindrücke nach dem ersten Blick

Es werden immer mehr. Bis zum 22. September. Die bei der kommenden Bundestagswahl antretenden Parteien "erfreuen" uns seit dem vorigen Wochenende mit ihren Plakaten, die sie nach und nach an jeden Baum hängen, der nicht früh genug gefällt wurde, und jeden Laternenpfahl, der sich nicht in eine kreuzungsnahe Position gerettet hat. Und die Plakate sind laaaangweilig. Aber damit erzähle ich niemandem Neues.

Weil in dem Münsteraner Ortsteil, in dem ich wohne, erst CDU und FDP ihre Direkt-Kandidaten plakatiert haben, war mein gestriger Ausflug in die "große, weite Welt" für mich spannend. Ich musste nämlich ins Münstersche Stadtzentrum. Und so fuhr ich mit dem Auto auf dem Kardinal-von-Galen-Ring und war angeödet von den Plakaten, die an mir vorbeirauschten. Zu sehen waren Linke, Piraten, CDU und FDP. Von diesen Augenblicken möchte ich kurz erzählen.

Die CDU hat eine unnatürlich mit weit aufgerissenen Augen grinsende Direktkandidatin als Motiv gewählt, die "frischen Wind" für den Bundestag verspricht. Mal ehrlich: Eine Frau will für die Partei, die die Bundesrepublik seit Menschengedenken in Grund und Boden regiert, in den Bundestag und für frischen Wind sorgen. Gaubt dieses hoffnungsvolle Talent, dass ihr das irgendwer glaubt? Und wer hat überhaupt das Foto gemacht?

Die "Liberalen" haben Brüderle und Westerwelle als Plakatmotiv zu bieten. Langweilige Gestaltung, langweilige Gestalten. Was Brüderle zu verkünden hat, habe ich vergessen. Mit Wein hatte es nichts zu tun. Westerwelle ist mit einem Slogan à la "Starkes Deutschland, starkes Europa" kombiniert worden. Das werden Griechen, Zyprer, Spanier und Portugiesen sicher anders sehen.

Was auf dem Linkspartei-Plakat stand? Keine Ahnung. Viel Text, der sicherlich fehlende soziale Gerechtigkeit anprangerte. Sicher haben die Linken damit sogar Recht.

Und dann noch das eine Piraten-Plakat, das ich wahrnahm. Zu sehen war eine attraktive junge Frau. Die Gestaltung war farblich ansprechend. An den Text erinnere ich mich nicht. Mit 60 km/h vorbeirauschend, fehlte mir Zeit und Aufmerksamkeit zum Lesen, Sortieren, Verstehen. Ich habe nachgeschaut und bin recht sicher, dieses Plakat gesehen zu haben.

Langweilig ist also einprägsamer?

Nun bleibt bis zur Wahl noch Zeit, und es werden noch mehr Plakate werden. Was mir im Nachhinein auffiel, ist das Folgende. Ich frage mich immer, warum uns die Parteien diese elendig langweiligen, immer gleichen Plakate antun. Wer meine Schilderung oben betrachtet, stellt fest, dass die öden Plakate von CDU und FDP eins erreicht haben. Ich habe nach erstmaligem Betrachten bereits Erinnerungseffekte. Die Ausnahme ist das Linke-Plakat: Dort setze ich voraus, dass ich weiß, was die mir erzählen wollen. Eigentlich ist es also egal, was im Detail darauf geschrieben steht.

CDU, FDP und Linke haben also mit ihren wenig originellen Plakaten eins erreicht: Sie haben sich schnell ins Wahl-Bewusstsein der sie Betrachtenden geschoben. Und das mit wenig überraschenden, unsere Meinung über die Partei bestätigenden Botschaften, die vernünftig denkende Menschen sowieso nicht glauben werden. Zur Mobilisierung derjenigen, die sowieso zur Wahl einer dieser drei Parteien neigen würden, mag das ausreichen.

Originelle Plakate müssen nicht gut sein

Schauen wir aufs Piraten-Plakat: Die Partei selbst, aber durchaus auch ernstzunehmende andere attestieren der Piraten-Plakat-Gestaltung Originalität. In der Tat sind die Werbemittel sicher am ansprechendsten gestaltet und betextet. Sie transportieren Inhalte, wirken modern, sind witzig und ironisch und anders als die anderen Plakate. Und genau das scheint mir ihr Fehler zu sein. Die Piraten sind auf neue Wählerinnen und Wähler angewiesen, wollen sie die Fünf-Prozent-Hürde knacken. Diesen verlangen sie reichlich ab:

  • Sie präsentieren ihnen Plakate, die auf den ersten Blick nicht zu entschlüsseln sind.
  • Auch ein zweiter schneller Blick wird den Textinhalt nicht verständlicher machen. Das von mir gesehene Motiv verteilt die Text-Botschaft auf vier verschiedene Flächen mit dreierlei unterschiedlicher Gestaltung.
  • Durch die andere Gestaltung jedes Motivs ihrer Kampagne erschweren sie den Wiedererkennungswert
  • Ironie ist in Werbe-Aussagen gefährlich. Ich zwinge den Betrachtenden zu einer Transferleistung ohne zu wissen, ob dieser dazu überhaupt willens oder in der Lage ist. Ich riskiere, falsch oder gar nicht verstanden zu werden.
  • Die gesamte Kampagne hat keine Kern-Botschaft. Jedes Plakat sagt etwas anderes aus.

Wochenlange Plakatierung hilft der Erinnerung auf die Sprünge

Nun kommt es bei den Plakaten ja weniger darauf an, dass das einmalige Betrachten mich in meiner Wahlentscheidung beeinflusst. Vielmehr bleiben noch mehrere Wochen Zeit, in denen ich an den Plakaten vorbeilaufe oder fahre, vielleicht mal an der roten Ampel vor ihnen stehen bleibe und sie lese und so nach und nach die "Botschaften" der Parteien ins Wahl-Hirn bekomme. Aber selbst da scheinen mir die Piraten-Plakate die schlechteren Chancen zu haben. Habe ich ein Plakat tatsächlich einmal zur Gänze erfasst, ist es wegen der Vielfalt der Motive weniger wahrscheinlich, dass mir dasselbe Plakat in Bälde noch mal für einen längeren Blick unter die Augen kommen wird.

Als Wählerin oder Wähler kann ich bei den Plakaten der Piraten also hauptsächlich festhalten: Die sagen viele schöne Dinge. Welche genau? Ja, mei, keine Ahnung. Wem das reicht, der mag die Piraten wählen. Die Plakate der anderen Parteien sind wesentlich öder. Damit scheinen sie aber ihre Chance auf einen konkreten Erinnerungseffekt bei unentschlossen vorm Wahlzettel stehenden Menschen zu erhöhen.

Ist es wirklich so? Originelle Plakate sind möglicherweise schöner. Nur erhöhen sie die Wahlchancen eher nicht.

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1 Kommentar

23
Aug

In Mörfelden-Walldorf hat die CDU systematisch und absichtsvoll mehr als ein dutzend PIRATEN-Plakate überklebt. Neue Wahlkampfstrategie oder Angstbeißen?
Piraten hatten nun Anzeige erstattet. http://www.piratenpartei-gross-gerau.de/content/piraten-werden-von-cdu-s...