Wie gesetzestreu geht es im Preußen-Stadion zu?

In keiner Regionalzeitung dürfen die Leserinnen und Leser ausgewogene oder gar kritische Berichterstattung zum heimischen Fußballklub erwarten. Das ist natürlich auch in Münster nicht anders, wo sich die dortigen Zeitungen beispielsweise standhaft weigern, die horrenden städtischen Subventionen für den Wirtschaftsbetrieb Erste Fußballmannschaft auch nur im Ansatz kritisch zu hinterfragen. Darum soll es hier aber gar nicht gehen. Bizarr ist hingegen die derzeitige Berichterstattung der Online-Version der Münsterschen Zeitung zur möglicherweise hohen Zahl von Strafverfahren nach jedem Heimspiel von Preußen Münster.

Nachdem offenbar ursprünglich berichtet worden war, nach jedem Heimspiel gebe es etwa 15 Ermittlungsverfahren gegen Besucherinnen und Besucher, erfahren die Leserinnen und Leser nun unter der Überschrift Zahl der Gewalttaten im Stadion: Behörden rudern zurück, dass es nur durchschnittlich sechs Ermittlungsverfahren pro Spiel seien, also weniger als die Hälfte der ursprünglich genannten Zahl. In der Tat ein großer Unterschied! Zudem ist ja auch nicht gesagt, dass ein eingeleitetes Verfahren mit einer Strafe oder Buße endet. Der Medienbericht zählt einige weitere vermeintlich entlastende "Fakten" auf. Interessanterweise ist dort beispielsweise zu lesen, dass in der vergangenen Saison drei Menschen durch die ach so harmlosen Bengalos verletzt worden seien. Und es finden sich die folgende Ausführungen:

"Zum Vergleich: Beim Sommersend 2013 gab es sechs Ermittlungsverfahren, davon drei wegen Körperverletzung. Der Rosenmontagsumzug 2013 produzierte 20 Ermittlungsverfahren, davon zwölf wegen Körperverletzung."

Also alles halb so wild, wenn doch nach dem Send auch sechs Menschen und nach dem Rosenmontag sogar 20 Ermittlungsverfahren am Hals hatten? Zahlen sind ohne Einordnung wertlos. In diesem Fall ist der Gedanke faszinierend, warum die absoluten Zahlen dort so allein stehen. Nach Angaben im selben Text hatte Preußen Münster einen Durchschnittsbesuch von 8986 Menschen im Stadion. Die Besucherzahlen der anderen Veranstaltungen werden nicht genannt.

Dann wollen wir mal nachschauen: Der Rosenmontagszug hatte "weniger als 70000" Menschen angezogen, schreibt die Münstersche Zeitung am 11. Februar dieses Jahres. Wenn es keine 70000 Menschen sind, wollen wir in der Folge von 65000 ausgehen. Der Send findet drei mal im Jahr statt. Die Veranstalter geben an, insgesamt besuchten mehr als eine Million Menschen die drei Kirmes-Veranstaltungen. Besucherstärkste Kirmes scheint der Frühjahrssend zu sein. Jeder Send locke mehr als 250000 Menschen an, schätzt westline.de. Gehen wir also von so vielen Menschen beim Sommersend aus.

Wenn wir nun die Zahl der Ermittlungsverfahren und die Besucherzahlen der jeweiligen Veranstaltungen haben, können wir diese ins Verhältnis setzen. Das sieht dann so aus:

 

Veranstaltung Besucher Ermittlungsverfahren Quote
Preußen-Heimspiel 8986 6 0,067 %
Sommersend 250000 6 0,002 %
Rosenmontagszug 65000 20 0,031 %

 

Insgesamt lässt sich also sagen, dass die Zahl der Ermittlungsverfahren auf allen drei Veranstaltungen recht gering ist Prozentual gesehen ist der Send offenbar das friedlichste "Event" aus der gewählten Menge, gefolgt vom Rosenmontagszug und den Preußen-Heimspielen. Spannend wäre übrigens auch die Umrechnung der Quote auf die Dauer der Veranstaltung. Während die zu den Ermittlungsverfahren führenden Taten beim Preußen-Heimspiel innerhalb von drei Stunden passieren dürften, sind es beim Rosenmontagszug ein halber Tag und beim Send sogar mehrere Tage. Interessant wäre auch die Summe der Ermittlungsverfahren. Es gibt pro Jahr einen Rosennmontagszug, also 20 Verfahren, drei Send-Kirmeswochen führen zu 18 Verfahren, 19 Heimspiele von Preußen Münster mithin zu 114 Ermittlungsverfahren. Die Münstersche Zeitung wird wissen, warum sie all diese Überlegungen in ihrem ansonsten faktenreichen Artikel nicht angestellt hat.

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1 Kommentar

3
Jul

Sehr geehrter Herr Klose,

soweit so richtig, oder eben nicht. Absolute Zahlenevergleiche sind weder in dem genannten Text noch in ihrem Kommentar korrekt.
Käme man auf die Idee, die gleiche Anzahl an Polizei bei einer Großveranstaltung, wie dem Send oder dem Rosenmontagszug einzusetzen, dann würde man wahrscheinlich feststellen, das auch auf diesen Veranstaltungen, eine signifikante Erhöhung der Ermittlungsverfahren zu verzeichne wären.
Die einzige Frage die sich überhaupt stellen sollte, warum versucht man überhaupt solche vergleiche anzustellen. Was immer auch der zweg sein soll, es wird nicht funktionieren weder in ein eine, noch in die andere Richtung.