Kategorie: Bücher

  • Bernt Engelmann und die gar nicht so gute alte Bundesrepublik

    Bernt Engelmann und die gar nicht so gute alte Bundesrepublik

    In den vergangenen Tagen kränkelte ich ein wenig, vermehrte Sofa-Liegezeit inklusive. Ich surfte auf meinem Tablet hierhin und dorthin und stolperte über den Namen „Bernt Engelmann“. Nachgeborene müssen jetzt stark sein: Der 1994 verstorbene, stramm linke Journalist und Publizist war in den 1970er- und 1980er-Jahren in der sogenannten alten Bundesrepublik eine große Nummer. In zahlreichen, meist gut recherchierten Büchern deckte er Verfilzungen der herrschenden politischen und ökonomischen Klasse auf, die gern aus der Nazi-Zeit in die dahingeschiedene Bonner Republik reichten.

    „Großes Bundesverdienstkreuz“ und „Schwarzbuch Helmut Kohl“

    Ich hatte gerade nichts Besseres zu tun, und mir war eingefallen, dass sich zwei Bücher von ihm in meinem Regal befinden: „Schwarzbuch Helmut Kohl“ (1990) und „Großes Bundesverdienstkreuz“, erstmals erschienen 1974, bei mir in einer aktualisierten Auflage von 1987 als „Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern“. Beide Werke hatte ich als wirklich noch junger Mann vor mehr als 35 Jahren gekauft. Da könnte man doch mal wieder reinlesen …

    Gesagt, getan – und unbedingt empfehlenswert! In den heutigen aufgeregten Zeiten erscheint es kaum noch vorstellbar, aus welch einem provinziellen Mief und aus welch muffig riechendem Filz die „gute alte“ Bundesrepublik geschaffen war. Dass viele alte Eliten der Nazi-Zeit ihre Karrieren ohne größere Schäden auch in der 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland fortsetzen konnten, dürfte jeder leidlich aufmerksame Einwohnende „dieses unseres Landes“ wissen.

    Netzwerk aus alten Kameraden machte nach der Nazi-Zeit weiter

    Engelmann versorgt uns aber mit Informationen – durchaus auch aus damaligen Stasi-Quellen der DDR gewonnen und trotzdem nicht falsch –, wie effektiv die, die immer oben geschwommen sind, nach dem Krieg einfach weitergemacht haben. Im Großen Bundesverdienstkreuz lernen wir Konsul Fritz Ries kennen, einen in der Nazi-Zeit durch „Arisierungen“ zu einem Gummifabrik-Imperium gekommenen, honorigen Einwohner des pfälzischen Frankenthal. Um ihn herum gruppieren sich viele Gestalten, die „in der Wirtschaft“ und an den Schalthebeln der Macht in Bonn eine wichtige Rolle spielten – und zwar nicht in der SPD! Da sind unter anderem Hanns-Martin Schleyer, der später von Terroristen ermordete Arbeitgeberführer, der Industrielle Friedrich Flick oder auch Bayerns Potentat Franz-Josef Strauss. Alle spielen sie die ein oder andere Rolle im Firmengeflecht Ries‘.

    Erschreckend ist, wie viele der Genannten – wie etwa Schleyer und der damalige Nazi-Propagandist Eberhard Taubert – sich bereits in der Nazi-Zeit kennenlernten. Bei manchen geschah dies sogar schon damals im Umfeld der Ries’schen Aktivitäten, und sie machten nach dem Krieg einfach weiter. Klingt wie ein Krimi, und Engelmann macht daraus einen durchaus fesselnden Tatsachen-Roman.

    Konservative Elite scharte sich um pfälzischen Gummi-Fabrikanten

    Nicht genannt werden in „Großes Bundesverdienstkreuz“ Namen wie Helmut Kohl oder Kurt Biedenkopf. Das wird dann im „Schwarzbuch Helmut Kohl“ ausführlich nachgeholt. Denn auch diese beiden CDU-Granden, die die konservative Politik der mittleren und späten 1970er-Jahre prägten, gehörten zu Ries‘ Netzwerk. Der ehemalige sächsische Ministerpräsident Biedenkopf war sogar mit einer Ries-Tochter verheiratet. Eigentlich erscheint es unglaublich, dass sich alle wichtigen konservativen Politiker in der frühen Bundesrepublik um einen bereits 1977 gestorbenen Gummi-Fabrikanten zweifelhaften Charakters scharten. Aber so war es wohl.

    Wer Lust darauf hat und stark genug ist, sich seine Begeisterung für unsere deutsche Demokratie dadurch nicht zerstören zu lassen – schließlich wüsste ich nichts Besseres! –, sollte sich im Antiquariat seiner Wahl eines der genannten Bücher besorgen. Es ist kurzweiliger Geschichtsunterricht. Wer nun glaubt, heute gebe es so etwas nicht mehr, schaue einfach mal in die USA und frage sich, welchen Schaden die dort sichtbaren Netzwerke der Tech-Milliardäre anrichten. Ich fürchte, es führt eine gerade Linie von Provinz-Filz wie damals in der „Bonner Republik“ zu den heutigen, weltumspannenden Korruptionsbeziehungen.

  • Paul Auster: Stadt aus Glas: So etwas hatte ich noch nicht gelesen

    Paul Auster: Stadt aus Glas: So etwas hatte ich noch nicht gelesen

    Gerade befinde ich mich an der Nordsee, genauer gesagt, in Friedrichskoog-Spitze. Dorthin fahre ich schon seit einigen Jahren über den Jahreswechsel. Der Hund hat hier etwas mehr Ruhe vor der Silvester-Böllerei, auch wenn hier noch genug Idioten (Gendern unnötig) Sprengstoff in die Luft jagen.

    Aus der Zeit gefallener Buchladen

    Eine meiner liebsten „Traditionen“ hier in der schleswig-holsteinischen „Pampa“ ist es, einen wirklich charmanten, komplett aus der Zeit gefallenen Buchladen in Meldorf aufzusuchen: Peter Panter Buchladen. Dass es solche Läden mit einer alternativen, kuratierten Buchauswahl überhaupt noch gibt, ist toll. Ohne die Buchpreisbindung wäre es sicher kaum möglich.

    Ich lande dort also mindestens einmal pro Winteraufenthalt an und suche mir Lektüre für die kommenden Tage aus. Weil Urlaub ist, darf es auch gern mal etwas sein, das ich sonst nicht lese.

    Erster Teil der New-York-Trilogie

    Dieses Mal traf ich ins Schwarze: In meinem Rucksack landete die New-York-Trilogie von Paul Auster. Den ersten der drei Romane, „Stadt aus Glas“, habe ich mittlerweile durchgelesen. Was soll ich sagen: Es ist ein tolles, anregendes und wirklich leicht verstörendes Buch.

    Habe ich den Roman verstanden? Komplett sicher nicht. Dabei ist die Handlung erst einmal gar nicht so schwer. Autor Daniel Quinn erhält einen Anruf, dass er Peter Stillman vor seinem gleichnamigen Vater schützen soll, der bald aus dem Gefängnis entlassen wird. Dieser ist ein durchgeknallter Theologieprofessor, der seinen Sohn vor seinem Gefängnisaufenthalt misshandelt haben soll.

    Nur ist es so, dass der Anruf gar nicht Quinn gilt, sondern an Paul Auster gerichtet ist. Quinn, der als Autor unter einer anderen Identität publiziert, schlüpft also quasi in die Rolle des Romanverfassers selbst.

    Identität und Bewegung sind die großen Themen

    Identität spielt in dem ganzen Roman eine überragende Rolle. Wer ist wer, oder ist es vielleicht doch ganz anders? Auch Peter Stillman selbst, der offensichtlich geistig beeinträchtigt ist, nennt für sich mehrere Namen. Dann gibt es noch Peters Frau Virginia, die gegenüber Quinn behauptet, das Geschehen zu überblicken. Ob das wirklich so ist, bleibt offen. Später verschwindet sie samt Peter spurlos.

    Eine große Rolle in dem Buch spielt Bewegung. Quinn läuft ständig durch New York, detailliert werden seine Wege durch die verschiedenen Straßen nachgezeichnet. Aber auch Stillman senior wandert – scheinbar ziellos? – durch die Mega-Stadt. Der Zweck dieser Wandereien bleibt offen.

    Plötzlich spielt der Autor selbst mit

    Zu allem Überfluss taucht dann auch noch Paul Auster selbst samt Gattin Siri Hustvedt in der Geschichte auf. Und zwar, so wird es behauptet, in ihrer realen Erscheinungsform. Paul Auster und Daniel Quinn führen ein langes Gespräch über die Rezeption des Romans Don Quichote. Inhalt: Wer erzählt diese Geschichte eigentlich, was sehr kompliziert zu sein scheint? Parallelen zu der Frage, wer eigentlich „Stadt aus Glas“ erzählt, drängen sich geradezu auf.

    Ihr merkt, dass Handlung und Bedeutung dieses Romans alles andere als eindeutig sind. Nicht nur das, es ist sogar verwirrend. Paul Auster unterlässt es konsequent, Hinweise auf eine etwaige Auflösung der Verwirrung zu geben. Darunter leidet ganz offensichtlich auch Protagonist Daniel Quinn, der sich im Verlauf der Geschichte komplett verliert.

    Dies kulminiert darin, dass er zum Schluss obdachlos wird, all seinen Besitz, bis auf ein rotes Notizbuch, wegwirft, eine Zeit lang nackt dahinvegetiert, wobei ihm aus unklarer Quelle Nahrung zur Verfügung gestellt wird, und schlussendlich verschwindet. Sein weiteres Schicksal: unklar.

    Wer erzählt hier eigentlich?

    Zu weiterer Klarheit trägt definitiv auch nicht bei, dass im Schlusskapitel der Erzähler der Geschichte ins Rampenlicht tritt. Er gibt sich als Freund von Paul Auster aus. Ob das stimmt, darf zumindest bezweifelt werden. Schließlich bleibt die Frage: Wer erzählt diese Geschichte eigentlich? Welche dieser Figuren gab es wirklich? Wo begann die Fantasie, gab es überhaupt Realität, und welche Rolle spielt New York dabei eigentlich?

    Spannend! Ich bin zunächst einmal gespannt auf die Teile zwei und drei der Trilogie.