Kategorie: Social Media

  • Wie ich zum Wikipedia-Autoren wurde und warum das gut für SEO und GEO bei meinen Kunden ist

    Wie ich zum Wikipedia-Autoren wurde und warum das gut für SEO und GEO bei meinen Kunden ist

    Ein eigener Wikipedia-Eintrag – das schmeichelt dem Ego. Kein Wunder, dass auch kleine und mittlere Unternehmen schnell mit dem Wunsch an den Content-Marketing-Redakteur herantreten, dass er sie doch bitte in dem „Online-Lexikon“ unterbringen möge. Na klar, schwierige Aufträge erledigen wir umgehend, aber unmögliche …?

    Die ehrliche Antwort auf derlei Ansinnen wird zunächst nämlich lauten: „Nö, das kriegen wir nicht so einfach hin!“ Einige Möglichkeiten bieten sich trotzdem. Diese schauen wir uns im folgenden Artikel etwas genauer an. Zunächst klären wir, warum die Wikipedia wichtig für Eure Positionierung in Suchmaschinentrefferlisten und in KI-Zusammenfassungen ist. Dann schauen wir, was die Wikipedia relevant findet und wie Ihr dies für Euer Unternehmen nutzt. In vielen Fällen werdet Ihr – wie bereits gesagt – keinen eigenen Eintrag anlegen können. Es gibt aber Alternativen. Wikipedia-Einträge helfen dabei, die Reputation Eures Unternehmens aufzubauen. Und weil Wikipedia-Einträge die Reputation eines Unternehmens beeinflussen, lohnt es sich, die eigene Glaubwürdigkeit als Wikipedia-Autor:in zu pflegen.

    Was die Wikipedia für SEO und GEO bringt

    Wikipedia ist die maßgebliche Online-Enzyklopädie. Schlugen unsere Großeltern unbekanntes Wissen noch in der Brockhaus-Volksausgabe nach, recherchieren wir seit vielen Jahren schon online in diesem Lexikon, das sich aus der „Weisheit der Vielen“ speist. Oft rufen wir die Wikipedia dazu nicht einmal auf, weil eine normale Google-Suche uns auch deren Ergebnisse in die Trefferliste setzt(e).

    Weil die Wikipedia zu den meistbesuchten Websites gehört, halten Google und andere Suchmaschinen sie für außerordentlich relevant. Damit ist sie ein wichtiger Faktor bei der Suchmaschinenoptimierung (SEO). Zwar ist sie keine klassische Backlink-Quelle, weil Links „nofollow“ sind, dessen ungeachtet verschafft ein Wikipedia-Eintrag dem Genannten eine gewisse Bedeutung. Oft werden Nutzer:innen dem angebotenen Link folgen. Somit steigen die Zugriffe auf die Unternehmenshomepage.

    Nun läuft die GEO, also die Optimierung von Internetseiten auf die Bedürfnisse generativer LLM-Modelle wie Claude, ChatGPT, Gemini, Perplexity etc., der SEO den Rang ab. LLMs beziehen ihre Informationen aus Quellen, die sie als relevant und vertrauenswürdig einstufen. Die Wikipedia gilt in diesem „Ranking“ als Goldstandard. Sie wird beim Training der LLMs, beim Faktencheck und bei der Relevanzbewertung von Quellen zu Rate gezogen. Deshalb tauchen Wikipedia-Informationen auffallend häufig in den „KI-Übersichten“ auf, die Suchmaschinen ganz oben auf der Trefferseite einblenden.

    Unternehmen sollten sich generell also bemühen, so relevanten Content anzubieten, dass LLMs diesen finden und in ihre Antworten einbinden – und zwar so, dass erkennbar wird, wer für diese Information verantwortlich ist. „Gewonnen“ hat die Firma, die es schafft, in der Wikipedia erwähnt zu werden und über diesen „Umweg“ in LLM-Antworten zu landen.

    Über die veränderten Anforderungen an das Content-Marketing in Zeiten von GEO habe ich bereits im Artikel „Warum Schlagzeilen und Hooks für ‚die KI‘ wieder prägnanter werden sollten“ einiges geschrieben.

    Wikipedia verleiht Relevanz, fordert diese aber auch ein

    Klar ist, dass Unternehmen, die in der Wikipedia erwähnt werden, vom Publikum als relevanter angesehen werden als solche, die dort nicht auftauchen. Um in der Online-Enzyklopädie zu landen, müssen aber gleich mehrere Hürden übersprungen werden.

    Zwar darf jede:r Artikel in der Wikipedia anlegen. Ob diese auch veröffentlicht bleiben, ist eine andere Frage. Zwei Instanzen wachen darüber, wie die Wikipedia selbst ausführt: die Sichter:innen und die Administrator:innen. Erstere schauen sich ungeprüfte Änderungen an, kennzeichnen sie als „gesichtet“ oder greifen bei Problemen ein. Administrator:innen haben weitreichendere Befugnisse. Sie können beispielsweise Artikel, die gegen Wikipedia-Richtlinien verstoßen, unsichtbar schalten.

    Sichter:innen wie auch Administrator:innen handeln nicht – zumindest in der Theorie – nach eigenem Gutdünken. Sie orientieren sich an den Wikipedia-Relevanzkriterien. Diese zählen für eine Unzahl denkbarer Fälle auf, wann ein Fakt, eine Organisation oder ein Ereignis es verdient hat, mit einem enzyklopädischen Eintrag geehrt zu werden.

    Für Unternehmen sieht es dabei schlecht aus: Laut Relevanzkriterien verdienen die meisten nämlich keinen eigenen Eintrag. Relevant sind demnach Firmen mit mehr als 1 000 Beschäftigten oder mit mehr als 100 Millionen Euro Jahresumsatz. Gnade vor dem Relevanzgericht erhalten auch Konzerne mit mehr als 20 Betriebsstätten, solche, die in führenden Aktienindizes vertreten sind, oder mit einem ihrer Produkte eine marktbeherrschende Stellung einnehmen.

    Einige Münsteraner Beispiele veranschaulichen diese Vorgaben: Ein Großkonzern wie der Filterhersteller Hengst SE überspringt die Relevanz-Hürde leicht. Der Anbieter von basischen Lebensmitteln und Körperpflegeprodukten, Jentschura International GmbH, verfügt hingegen über keinen eigenen Eintrag. Dabei hat er laut Industriegemeinschaft Münster etwa 100 Mitarbeitende, drei Standorte und ca. 15 Millionen Euro Jahresumsatz. Eingetragen wurde dagegen die Titus GmbH. Das von Münsters Kult-Skateboarder Titus Dittmann gegründete Unternehmen erwirtschaftete vor über 20 Jahren mal einen Jahresumsatz von rund 75 Millionen Euro und beschäftigte 500 Menschen. Voriges Jahr rutschte die Titus GmbH allerdings in die Insolvenz. Dass es nach wie vor den Wikipedia-Eintrag gibt, liegt vermutlich an seiner kulturellen und medialen Bedeutung.

    Es gibt Alternativen zum eigenen Unternehmenseintrag

    Es führen auch einige Umleitungen zu dem Ziel hin, sich seinen eigenen Wikipedia-Eintrag zu „verdienen“. Lohnenswert ist der Versuch, die Bedeutung eines Unternehmens mit dem Verweis auf umfangreiche Presseberichterstattungen oder dessen überregionale Bedeutung zu belegen. Es hilft auch, wenn deutlich wird, dass Produkt XY einen echten Mehrwert für eine Branche oder die Gesellschaft bietet.

    Wer so vorgeht, ist sicherlich auf eine wohlwollende Reaktion der Sichter:innen angewiesen. Sonst ist der Artikel schneller wieder weg, als er geschrieben wurde. Das passierte mir beispielsweise bei einer früheren Tätigkeit, als ich einen kurzen, sachlichen Artikel zu meinem damaligen Arbeitgeber einstellte. Diesen fand der Redakteur zu irrelevant, obwohl das Unternehmen ein für die Automationsindustrie einzigartiges Produkt anbot. Ein kleineres Unternehmen aus der Nachbarschaft verfügte hingegen über einen eigenen Artikel.

    Wie es geht, zeigte mir dann ein anderes Unternehmen aus der gleichen Branche. Dort fügte ein findiger Kopf auf der Orts-Seite des Unternehmenssitzes im Bereich „Wirtschaft“ einen Hinweis ein, dass die Firma zu den führenden Arbeitgebern der Stadt gehöre.

    Dieses Vorgehen funktioniert nach meiner Erfahrung auch in anderen Fällen. Natürlich ist es auch für eine Enzyklopädie relevant, im Wirtschaftsabschnitt die relevanten Unternehmen aufzulisten. Ähnlich habe ich es eine Zeit lang mit den Publikumsmessen eines Anbieters aus Münster gemacht. Für diesen habe ich auf den Orts-Seiten seiner Standort-Städte im Abschnitt „Regelmäßige Veranstaltungen“ Hinweise auf die Messen eingefügt.

    Wie Ihr eine vertrauensvolle Wikipedia-Vita aufbaut

    Achten solltet Ihr bei Euren redaktionellen Tätigkeiten auf Eure eigene Reputation. Allzu offensichtlich wäre es beispielsweise, wenn Ihr Euch lediglich für das Einstellen einer speziellen Unternehmensinformation anmeldet. Besser kommt es bei der Wikipedia-Community an, wenn Ihr auch zu weiteren Themen aktiv werdet.

    Ich habe es ab einem gewissen Zeitpunkt als Teil meines eigenen Reputationsaufbaus angesehen, hin und wieder dies und jenes in der Wikipedia zu editieren – sei es, dass ich etwas zu meinem Heimatort ergänzte, oder dass ich Informationen oder passende Bilder zu einem meiner Urlaubsorte hatte. Sogar im Artikel zu „Gated Reverb“ – den Schlagzeugeffekt kennt Ihr von Phil Collins „In the Air tonight“ – habe ich Spuren hinterlassen 😉

    Als regelmäßige:r Autor:in baut Ihr so in der Gemeinschaft der Wikipedia-Aktiven Vertrauen auf. Wenn Ihr dann noch die Grundlagen für das Verfassen von Wikipedia-Artikeln beherzigt, steigt nach meiner Einschätzung die Wahrscheinlichkeit, dass Eure Änderungen nicht wieder rückgängig gemacht werden. Ihr solltet als tunlichst darauf achten, dass Euer Schreibstil sich am enzyklopädischen Stil orientiert, dass Ihr werbliche Formulierungen vermeidet, dass Ihr relevante Links als Belege anführt und dass Ihr Behauptungen zu Eurem Unternehmen am besten durch Sekundärquellen belegt.

    Wie Ihr kenntlich macht, dass Ihr im Auftrag schreibt

    Wikipedia-Einträge sollen keine Werbetexte sein. Wer versucht, seine Werbebotschaften in die Online-Enzyklopädie einzuschmuggeln, wird damit in der Regel scheitern. Unternehmensinformationen dienen dort eher dem Vertrauensaufbau als der klassischen Werbung.

    Das Wichtigste ist Transparenz! Macht unbedingt kenntlich, wenn Ihr etwas im Auftrag bearbeitet. Die Wikipedia-Richtlinien gestatten ausdrücklich, dass Agenturen im Auftrag von Unternehmen Informationen einfügen, sofern dies offengelegt wird. Lest Euch dazu unbedingt die Seite „Bezahltes Schreiben“ in der deutschen Wikipedia durch.

    Für den Hinweis auf Auftragsbearbeitungen stellt die Wikipedia praktische Vorlagen bereit. Diese könnt Ihr auf Eure Benutzerseite, in die Diskussion zum bearbeiteten Artikel oder in den zusammenfassenden Hinweis für eine Bearbeitung einfügen. Solange Ihr darüber hinaus neutral und nicht werblich formuliert und relevante Informationen einfügt, dürftet Ihr damit keine weiteren Probleme bekommen.

    Diese Internetseiten liefern Euch noch mehr Informationen

    Als ich diesen Artikel schrieb, habe ich viele Anregungen von den folgenden Quellen erhalten:

  • Die Tagesthemen zitieren Nius: Warum das allein kein Grund zur Empörung ist

    Die Tagesthemen zitieren Nius: Warum das allein kein Grund zur Empörung ist

    Das Land steht vor dem Untergang! Bald werden die Linksradikalen unsere schöne Freiheit zerstören. Nicht mehr lange, dann werden die Nazis unsere Demokratie hinweggefegt haben. Diese beiden, doch eher pointierten, sich bei der Diagnose „Untergang“ aber erstaunlich einigen Meinungen sind auf Social-Media-Portalen wie Twitter (jetzt X) oder BlueSky leicht zu finden und nur wenige Klicks voneinander entfernt – auf Twitter dürfte die Angst vor dem linksradikalen Overkill allerdings dominieren.

    Negatives klickt am besten

    Dass sich solch „prägnante“ Ansichten so schnell durchsetzen, liegt an der Funktionsweise sozialer Medien. Aufmerksamkeit erringen dort kurze, zugespitzte, gern auch krasse Beiträge, die anschlussfähig an die Meinung der jeweiligen Nutzenden sind. Und was klickt besonders gut? Klar, schlechte Nachrichten und pessimistische Meinungen. Oder, wie tagesschau.de den Politik- und Kommunikationswissenschaftler Andreas Jungherr wiedergibt: Die Sicht auf die Wirklichkeit werde durch die sozialen Medien verzerrt – und zwar ins Negative.

    Was mir immer wieder auffällt, ist, dass durch die Diskurse in den „sozialen“ Medien die etablierten Medien unter Legitimitätsdruck geraten. Das ist einerseits auch gut so, weil sie ja beileibe nicht alles richtig machen, andererseits halte ich es für gefährlich. Immerhin ist eine Demokratie auf gut funktionierende, akzeptierte Medien angewiesen. Es dürfte also kontraproduktiv sein, wenn diese – und hier vor allem der öffentlich-rechtliche Rundfunk – unablässig von beiden politischen Rändern her sturmreif geschossen werden.

    Der Zusammenhang wird komplett ausgeblendet

    Wenig Verständnis habe ich insofern für einen gerade in der linken BlueSky-Blase ablaufenden Diskurs. Es geht darum, dass die Tagesthemen in dieser Sendung (ca. ab Minute 4:35) das extrem rechte Krawall-Portal Nius zitiert haben. Mit großer Geste belehren diverse Accounts (tatsächlich sind es nur wenige originäre Posts wie dieser, die dann in der Blase andauernd werden) ihre Empfangenden, dass es völlig unzulässig und abzulehnen sei, ein solches tendenziöses Propagandamedium in einem qualitätsmedialen Umfeld zu zitieren, weil man dem Portal dadurch Legitimität verleihe. Ganz falsch ist diese Argumentation nicht.

    Screenshot eines X-Posts über ein Nius-Zitat in den Tagesthemen vom 7.5.2026

    Warum aber nennen die Postenden den Zusammenhang nicht, und warum verlinken sie nicht den inkriminierten Beitrag? Es geht nämlich um eine Äußerung von Bundesministerin Bärbel Bas im Bundestag, in der sie auf die Zwischenfrage eines Abgeordneten zur „Einwanderung in die deutschen Sozialsysteme“ antwortet, es gebe eine solche Einwanderung nicht. Zunächst wird dieser Satz isoliert gesendet. Daraufhin blenden die Autorinnen und Autoren des Tagesthemenbeitrages verschiedene Kommentierungen rechter Medien ein, und zwar– in dieser Reihenfolge – von Focus, Bild und Nius – also immer weiter nach rechts eskalierend. Es folgen rechte Politikerköpfe, die sich ebenfalls über diesen einen Satz der Sozialministerin empören.

    Manche Sachverhalte sind einfach zu komplex

    Dann endlich beginnen die Tagesthemen mit der Einordnung. Viel wichtiger ist, dass sie Bas‘ Antwort auch in einer längeren Version zeigen. Sie ordnete ihre Äußerung nämlich in den Zusammenhang ein, dass Deutschland Fachkräftemangel habe und Zuwanderung benötigt werde, um diesem zu begegnen. Deutlich wird in dem Beitrag, dass die Antwort der Ministerin isoliert betrachtet natürlich Unfug ist, dass sie aber mit Sicherheit anders gemeint war. Bas wollte darlegen, dass Migrierende wohl eher nicht wegen der Sozialsysteme in die Bundesrepublik kämen und dass es in der Migrationspolitik weniger darum gehen müsse, eine Zuwanderung in die Sozialsysteme zu verhindern, sondern vielmehr darum, neue Fachkräfte für die darbende Wirtschaft zu gewinnen.

    Ich habe nun viele Worte zur Beschreibung dieses Sachverhaltes verloren. Was fällt dabei auf? Genau, das passt alles nicht in die 280 Zeichen eines X- oder BlueSky-Posts. Dinge sind oft viel zu komplex, um sie auf eine steile These herunterzubrechen. Wenn vermeintlich klickstarke, in der eigenen Blase erwartbarer Weise gute Resonanz findende Posts verfasst werden, indem Kleinigkeiten aus einem völlig anderen Kontext herausgerissen werden, dann wird es schwierig. Die Verfassenden dieser Posts sind in aller Regel nicht blöd. Sie könnten ahnen und es spätestens an den Kommentaren sehen, dass sie – gerade wenn es um abfällige Äußerungen über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk geht – weitere abfällige Kommentare provozieren. Damit betreiben sie dann ein Geschäft, das gefährlich ist. Sie untergraben nämlich das Vertrauen in dieses für die Demokratie so wichtige Medienangebot.

    Wo berechtigte Kritik ansetzen könnte

    Deswegen muss und sollte niemand auf Medienkritik verzichten! Das betrifft gerade auch den hier besprochenen Tagesthemenbeitrag. Er ist sicher nicht sehr gelungen. Es wird zwar klar, dass die Autorinnen und Autoren zeigen wollten, dass Bärbel Bas‘ Äußerung die (weit) rechte politische Seite angezündet hatte, die darauf mit der erwartbaren Empörung reagierte. Es wird auch eingeordnet, dass die rechte Kritik weitgehend fehlgeht. Die Frage muss gleichwohl gestellt werden, ob es überhaupt nötig war, die inszenierte rechte Empörung über Bas‘ unglückliche Antwort als so wichtig zu bewerten, dass darüber ein eigener Beitrag gemacht wurde. Denn faktisch hat man damit das rechte Standardthema, dass Ausländer:innen gezielt in unsere Sozialsysteme einwanderten und diese unberechtigt in Anspruch nähmen, unterfüttert.

    Genau dies bemängeln die Postenden der oben genannten Beiträge aber gar nicht. Sie machen diesen Aspekt durch ihre Posting-Praxis sogar unsichtbar. Das halte ich für ein mindestens genauso großes Problem wie die nach meiner Meinung falsche Gewichtung des Sachverhalts durch die Tagesthemen.

  • Kommunalpolitik auf Social Media: „Das crazy“ oder eher „six seven“?

    Kommunalpolitik auf Social Media: „Das crazy“ oder eher „six seven“?

    Aufmerksame Besucherinnen und Besucher dieser Homepage wissen es: Das ostwestfälische Vlotho ist meine Heimat, und deshalb verfolge ich auch die Kommunalpolitik der Kleinstadt an der Weser gründlich. Der dortige Bürgermeister Rocco Wilken schaffte es 2023 mit einer besonderen Social-Media-Aktion in die Medien. In voller Montur sprang das Stadtoberhaupt zum Start der Sommerferien im örtlichen Freibad vom Drei-Meter-Sprungbrett. Auch in den folgenden Jahren wiederholte er diese Aktion.

    Bekleidet badender Bürgermeister wurde zum Hit

    Mit dieser ungewöhnlichen Aktion erntete Rocco Wilken viel Aufmerksamkeit. Noch mit dem hier eingeblendeten Reel, das zwei Jahre nach seinem ersten Anzug-Dreier-Sprung entstand, sammelte er fast 5 000 Likes und 63 Kommentierungen ein. Sowohl auf seinem eigenen Account als auch auf dem der Stadt Vlotho, der das Reel damals ebenfalls sendete, liegen die Like-Zahlen sonst eher im niedrigen dreistelligen Bereich.

    Selbstverständlich nahmen sich weitere Kommunalpolitiker ein Beispiel an Rocco Wilken. Im Jahr 2024 sprang etwa der Bürgermeister aus Havixbeck, einer westlichen Nachbarstadt meines Wohnortes Münster, mit einem formvollendeten „Köpper“ vom Dreier. Vlothos Verwaltungschef hatte eine amtliche „Arschbombe“ bevorzugt.

    An Social Media kommen Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker nicht mehr vorbei, wenn sie wahrgenommen werden wollen. Das ist klar. Immerhin erreichen sie damit vorwiegend junge Nutzerinnen und Nutzer, die weder die örtliche Tageszeitung lesen, noch über etablierte Formen wie etwa Bürgerversammlungen, Vereinsaktivitäten oder Infostände in der Innenstadt erreichbar wären.

    Junge informieren sich auf Social Media

    Wie stark junge Menschen auch politische Informationen über Social Media konsumieren, ist der Studie „How to Sell Democracy Online (Fast)“ zu entnehmen, die das Progressive Zentrum, die Bertelsmann-Stiftung und die Stiftung Mercator im September 2025 vorgelegt haben:

    „74 Prozent der 16- bis 27-Jährigen nehmen politische Informationen über Social Media auf, noch vor Schule (60 %), Familie (58 %), Freundeskreis (54 %) sowie den klassische[n] Medien wie Zeitung oder Fernsehen (46 %).“

    Kommunalpolitische Accounts: von staubtrocken bis bemüht hipp

    Es liegt nahe, dass Stadtspitzen wie auch Ratsmitglieder und kommunale Parteien Social Media nutzen, um sich direkt an ihre potenziellen Unterstützenden zu wenden. Wie diese Kommunikationsaktivitäten dann konkret umgesetzt werden, hängt sehr vom Einzelfall ab. Manche Instagram-Feeds kommunaler Würdenträger fallen eher staubtrocken aus. Andere Amtsinhaberinnen und -inhaber glänzen dagegen mit kreativen Einfällen und beeindrucken mit einem eher lockeren Tonfall.

    Im Extremfall kommen dabei dann Ergebnisse heraus wie der, den das Portal „eGovernment. Verwaltung digital“ aus dem TikTok-Feed der Osnabrücker Oberbürgermeisterin Katharina Pötter zitiert: „Wir sind no cap eine Stadt mit viel Plus-Aura“. Im Feed auf dem Video-Portal der niedersächsischen Kommunalpolitikerin findet sich demnach auch der „Klassiker“ eines jeden hippen Social-Media-Feeds: Das für Interviews nötige, externe Mikrofon wird an ein „lustiges“ Utensil geklebt. In diesem Fall handelt es sich um einen Pfannenwender.

    Erfolgreiche Social-Media-Kommunikation ist interaktiv

    Das eGovernment-Portal bringt in seinem Bericht noch weitere Beispiele, die zeigen, dass auch die Kommunalpolitik oft den gleichen Social-Media-Marketing-Regeln folgt wie viele Unternehmen und Privatnutzende. Es werden jeweils die aktuellen Trends auf TikTok, Instagram & Co. gesichtet und dann gegebenenfalls kopiert. Davon erhoffen sich die sozialmedial aktiven, kommunalpolitisch Öffentlichkeitsarbeitenden mehr Sichtbarkeit in den Algorithmus-gesteuerten Social-Media-Diensten. Viele Likes werden gern genommen, wichtiger sind allerdings Interaktionen wie etwa Reposts und Kommentare, erklärt unter anderem diese Hannoveraner Social-Media-Agentur.

    Im Streben danach, auf den jeweils aktuellen Trend aufzuspringen und die Content-Konsumgewohnheiten der jungen Zielgruppe zu treffen, können dann schon mal Zeichentrickkrokodile durch einen Beitrag laufen. Dieses Beispiel nennt eGovernment für einen Bürgermeister aus der Region Hannover. Daran schließt das Portal die berechtigte Frage an:

    „Eine Kernfrage ist: Wie unseriös darf ein Bürgermeister sein?“

    Nahbar und authentisch kommunizieren und nicht beliebig werden

    Dieses Dilemma muss nach meiner Meinung tatsächlich gelöst werden. Aktive aus der Kommunalpolitik müssen einen Spagat bewältigen. Sie dürfen auf ihren Social-Media-Accounts nicht wie distanzierte und humorlose Technokraten wirken. Stattdessen wollen sie sympathisch und nahbar rüberkommen. Die Studienleiterin der genannten Studie „How to sell Democracy Online (Fast)“, Paulina Fröhlich, bringt die sprachlich-inhaltlichen Anforderungen laut tagesschau.de auf die folgende Formel. Zu achten sei:

    „[a]uf ein authentisches Profil, auf eine verständliche Sprache, auf Themen, die wirklich mit der Lebensrealität von jungen Leuten auch zu tun haben.”

    Verwechselt werden dürfen diese Maßgaben allerdings nicht mit inhaltlicher Beliebigkeit und dem Anbiedern an die junge Zielgruppe. Laut Fröhlich spreche nichts dagegen, Inhalte unterhaltsam aufzubereiten. Von Tanzen und lustigen Filtern rät sie Politikerinnen und Politikern aber ab. Politischer Instagram- oder TikTok-Content solle sich, so die Studienergebnisse, auf die Lebenswirklichkeit Jugendlicher und Heranwachsender beziehen, alltagsnah sein und nicht abstrakt klingen.

    Wer in der Kommunalpolitik aktiv ist und über das Thema Social Media nachdenkt, sollte sich also vornehmen, ehrlich und authentisch zu wirken, aber nicht aufgesetzt Jugendsprache nachzuahmen. Wie auch grundsätzlich bei der Kommunikation von Behörden gilt auch in diesem Fall: Ja, der oder die Politiker:in ist sicher ein total sympathischer Mensch und darf sich gern nahbar geben. Bedenken sollte er oder sie aber auch, dass es eine Diskrepanz zwischen einem allzu lockeren Auftreten auf Instagram oder TikTok und der sonstigen öffentlichen Wirkung geben könnte. Wenn Politiktreibende beispielsweise Zwangsmaßnahmen gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern vertreten müssen oder diesen beantragte Zuschüsse nicht bewilligen können oder wollen, hilft ihnen auch das hippste Auftreten auf Social Media nichts.

    Informieren, erklären, einordnen und Feedback einholen

    Was ihnen allerdings weiterhilft, ist, die sozialen Medien für Informationen und Erklärungen zu nutzen. Dort haben sie die Chance, mit den von einer Entscheidung Betroffenen in echte Gespräche zu kommen, sie frühzeitig zu informieren, die eigene Position zu verdeutlichen und etwaige Handlungsoptionen darzustellen – und zwar schnell und direkt. Neben vielen weiteren Vorteilen gehören diese Aspekte zu den wesentlichen Funktionen der Social-Media-Kommunikation in der Kommunalpolitik. Der Deutsche Städtetag hat dazu im Januar des vorigen Jahres ein lesenswertes Positionspapier herausgegeben.

    Sollten Kommunalpolitiker:innen bis zu dieser Stelle mitgelesen haben, sollten sie sich aufgerufen fühlen – falls noch nicht geschehen –, ihre eigene Social-Media-Kommunikation aufzubauen. Dazu benötigen sie natürlich eine Idee, was sie fortan veröffentlichen wollen. Und sie sollten auch dringend darüber nachdenken, wer zu ihrer Zielgruppe gehört. Wer Rentner:innen erreichen möchte, ist sicher auf Facebook an der besseren Adresse als auf TikTok. Für Angehörige der Generation Z gilt das Umgekehrte.

    Diese drei Content-Typen führen zum Erfolg

    Sind die Kanäle und die Zielgruppe bestimmt, kommt das Wichtigste: die Inhalte. Grob lassen sich drei Typen von Content unterscheiden, fasst das Aktionsprogramm Kommune „Frauen in die Politik!“ zusammen: bildende und unterhaltende Posts sowie Blicke hinter die Kulissen. Instagram, Facebook oder TikTok sind also gut dazu geeignet, die Nutzenden auch einmal mit auf Ausflüge ins heimische Büro, zum Wahlplakate-Kleben etc. zu nehmen. Genauso ist es möglich, dem leckeren Kuchen, den es bei der Landfrauenversammlung gab, die große Bühne zu bereiten.

    Was auf Eurem kommunalpolitischen Social-Media-Kanal allerdings nichts verloren hat, ist die lieblos gespiegelte Pressemitteilung des Kreisverbandes Eurer Partei, möglicherweise noch mit einem knackigen „Genauso ist es!“ angereichert. Nutzt stattdessen die Möglichkeit und erklärt, was damit gemeint ist und was die Auswirkungen des geschilderten Sachverhaltes für die Bürgerinnen und Bürger sind. Fragt nach der Meinung Eurer Folgenden und geht auf die Antworten ein. Das könnt Ihr schriftlich machen, oder Ihr nehmt einfach das Smartphone und filmt Euch beim Spazierengehen, während Ihr Euer Statement einsprecht. So macht Ihr Eure kommunalpolitische Arbeit transparent und sammelt zugleich noch „Punkte“ für den Algorithmus der jeweiligen Plattform.

    Falls Ihr übrigens Unterstützung für Eure Social-Media-Kommunikation benötigt, fragt doch einfach mich! 🙂