In den 1990er-Jahren verbrachte ich in meiner Heimatstadt Vlotho viel Zeit in meinem Stammcafé, dem Café Klatsch. Diese, im Jahr 2000 geschlossene Institution der lokalen grün-alternativen Szene verfügte über ein Gästebuch. Darin wurden die Besuchenden mit der Formulierung „Liebe GästInnen“ angesprochen. Das fand ich damals lustig, ironisch und ein wenig irritierend.
Damit sind wir beim Thema „Gendern“ angelangt. Wenn man darauf im Lichte des aktuellen, rechtspopulistischen Diskurses gegen die „woke, links-grün-versiffte Gender-Ideologie“ schaut, drängt sich der Eindruck auf, es sei ein neues und vor allem total gefährliches Phänomen, das es in den „guten alten Zeiten“ niemals gegeben hätte, weil die Menschen damals noch vernünftig waren und den gesunden Menschenverstand benutzten.
Auf geschlechtergerechtes Schreiben wurde schon im Mittelalter geachtet
Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein – weil es eben auch nicht stimmt! Kommen wir zur eingangs erwähnten „Gästin“ (ohne Binnen-I) zurück. Ich wurde journalistisch-sprachlich wesentlich sozialisiert durch meinen Ausbildungsredakteur im Redaktionsvolontariat. Dieser war – ich übertreibe nicht! – ein radikaler Gegner des Genderns und lehnte vor allem das Binnen-I militant ab. Dass er vielleicht etwas einseitig auf diese Materie blickte, ahnte ich schnell. Unter anderem kam ich ins Grübeln, als ich feststellte, dass die „Gästin“ einen regulären Eintrag im Duden hat.
Wieder aufgefrischt wurde meine Faszination für die weibliche Form des Gastes durch einen LinkedIn-Beitrag von Eva Charlotte Kemper, in dem sie sich kritisch mit der Gästin als solcher auseinandersetzte. In einem Kommentar zu dem Beitrag verlinkte ich ein YouTube-Video, das ein Interview mit Katia Mann von 1969 zeigte, in dem sie ganz selbstverständlich von einer „Kurgästin“ sprach. Weitere Kommentierende hatten bereits angemerkt, dass die Gästin schon im Mittelalter als normale Bezeichnung für weibliche Gäste auftauchte. Das zeigt exemplarisch das Grimm’sche Wörterbuch.
Während es also bereits im Mittelalter „geschlechtersensible“ Schreibweise – vulgo: Gendern – gab, scheint die Aufregung darüber eher neueren Datums zu sein. Menschen meines Alters begleitet die Diskussion, wie man Sprache gestaltet, damit Frauen nicht nur „mitgemeint“ sind, jedenfalls durch ihr ganzes Leben.
Als das „phallische“ Binnen-I der große Aufreger war
Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück. Im Gästebuch meines damaligen Stammcafés fand sich die Schreibweise „GästInnen“. Damit nahmen die damaligen BetreiberInnen das Binnen-I auf, das in Deutschland durch die damals linksalternative „tageszeitung“ (taz) populär wurde. Erfunden hat das Berliner Blatt diese Schreibweise, die es mittlerweile selbst kaum noch verwendet – im Kreis der Autorinnen und Autoren wurde dem großen I schon vor fast 20 Jahren sogar etwas Phallisches unterstellt –, indes nicht.
Die „Credits“ dafür darf für die journalistische Landschaft laut Oliver Tolmein, der das Binnen-I bei der taz mit einführte, die Schweizer „Wochenzeitung“ (WOZ) beanspruchen, die es 1983 einführte. Das Goethe-Institut weiß hingegen vom Journalisten Christoph Busch, der schon zwei Jahre zuvor in einem Buch über freie Radios das große I verwendete.
Eine frühe Spur der Binnenmajuskel-Gendern-Variante führt also in die Eidgenossenschaft. In diesem Sprachraum, der kein „ß“ kennt, beschäftigen sich die Menschen, so scheint es, intensiv mit der Herausforderung, wie Männlein, Weiblein und alles dazwischen und darüber hinaus in der Sprache repräsentiert werden können. Dementsprechend sei an dieser Stelle dieser kompakte Überblick des Schweizerischen Rundfunks (SRF) über die Geschichte des sprachlichen Genderns empfohlen.
Der SRF verortet den Anfang des modernen Genderns in den 1960er Jahren. Damals begannen Feministinnen, die weibliche Form mit dem Schrägstrich an den meist männlichen Wortstamm anzufügen. Aus dem Bürger wurde also der/die Bürger/in. Das Binnen-I war quasi als „Vereinfachung“ der Schrägstrich-Variante gedacht.
Kritik an binären Gendervarianten von mehreren Seiten
Sprachpuristinnen und Sprachpuristen bemängeln am Gendern immer wieder, dass es nicht mit der vorhandenen Grammatik kompatibel sei. Auf ein/e Bürger/in kann mensch sich schlecht beziehen. Manche Formen (wie etwa Gast und Gästin) lassen sich gar nicht schreiben, weil die Wortstämme verschieden sind. In diesen Fällen bevorzugen viele – auch ich neige dazu –, beide Geschlechterformen auszuschreiben (wie am Beginn des Absatzes geschehen) oder geschlechtsneutrale Formulierungen zu wählen. Auf diese Art geraten Teilnehmende oder Studierende in Texte hinein.
Über die rein binären Geschlechterschreibweisen rollten die Zeitläufte hinweg. Ob es nun die queerfeministische Ecke oder wer auch immer gewesen ist: Bemängelt wird, dass Bürger/innen, BürgerInnen oder auch Bürgerinnen und Bürger (ein geschlechtsneutrales „Bürgende“ funktioniert in diesem Zusammenhang nunmal nicht) sich jeweils nur auf die männliche oder weibliche Form bezögen und somit alle, die ihre geschlechtliche Identität anders definieren, nicht mit einbezögen.
Aus dieser Diagnose heraus entwickelten sich die Schreibweisen, die heutzutage so heftigen Widerstand hervorrufen. Gemeint sind natürlich der Gender-Gap (Bürger_in), das Gender-Sternchen (Bürger*in) und der Gender-Doppelpunkt (Bürger:in). Behauptet wird, dass diese Formen inklusiver seien. Das bezweifle ich. Es kann durchaus sein, dass interessierte Kreise nun auch Transpersonen oder sich nicht eindeutig Identifizierende in diesen Buchstabenkonstruktionen wiederfinden. Diese Formen sind aber aus einem anderen Blickwinkel heraus betrachtet gerade nicht inklusiv. Sie schließen Menschen mit einem eingeschränkten Leseverständnis aus. Berichtet wird auch davon, dass Screenreader, die sehbehinderten Menschen Texte vorlesen, weder mit Sternchen noch mit Gender-Gap gut umgehen können. Der Doppelpunkt werde hingegen korrekt interpretiert, sodass zwischen „Bürger“ und „in“ eine kurze Pause gesprochen werde.
Geschlechtersensible Sprache entwickelt sich auch international weiter
Gleichwohl sehe ich, dass Sprache sich weiterentwickelt. Das ist gut so. Von den modernen Gendern-Formen erscheint mir der Doppelpunkt als am logischsten. Tatsächlich werdet Ihr ihn auf dieser Internetseite bisweilen entdecken. Restlos überzeugt bin ich davon allerdings nicht. Das betrifft vor allem die Repräsentanz zusätzlicher Geschlechtsidentitäten. Nach meiner Einschätzung ist dieser Aspekt mit einer Grammatik, die nur männliche, weibliche und neutrale Formen bereitstellt, einfach nicht lösbar.
Gendern ist eine auf die jeweilige Sprache beschränkte Herausforderung. Während Sprechende und Schreibende im deutschen Sprachraum den Eindruck haben müssen, an ihren Doppelpunkt-, Schrägstrich-, Sternchen- oder Unterstrichvorlieben entscheide sich der Weltfrieden, diskutieren Menschen in anderen Ländern ganz andere Zeichen. In spanisch- und auch portugiesischsprechenden Ländern kommen beispielsweise die Zeichen „-e“, „-x“ und sogar „-@“ zum Einsatz, um Geschlechterverweise inklusiver zu gestalten, schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb).
Frankreich unterstellt die bpb noch, dass es dort keine vergleichbaren Formen gebe. Das stimmt so nicht. Hier weiß die Gesellschaft für deutsche Sprache mehr: Französinnen und Franzosen konstruieren geschlechtersensible Formulierungen mit dem Bundestrich oder dem Punkt. Die Bewohner dieses schönen Landes schreiben sich somit in der sogenannten „écriture inclusive“ wie folgt: Français.e.s.
Diskussion ums Gendern ist noch lange nicht vorbei
Sprechende und Schreibende haben also eine Vielzahl von Möglichkeiten, wie sie sich im Diskurs ums Gendern positionieren. Restlos befriedigend finde ich keine der Varianten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Diskussion noch nicht an ihrem Ende angelangt ist. Das glaubt auch eine der renommiertesten feministischen Sprachwissenschaftlerinnen aus Deutschland. Luise Pusch weist deutlich darauf hin, dass die „modernen“ Formen des Genderns durchaus dazu führen können, dass Frauen einmal mehr aus der sprachlichen Sichtbarkeit gedrängt werden. Nötig seien ganz neue, eigenständige Sprachformen der Gender-Repräsentation. Wer sich dafür interessiert, sollte sich dieses Interview oder den Alles-gesagt-Podcast mit Luise Pusch zu Gemüte führen.


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