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  • Warum es demokratisch legitim sein kann, wenn weit rechts stehende Menschen nicht wählen gehen

    Warum es demokratisch legitim sein kann, wenn weit rechts stehende Menschen nicht wählen gehen

    Wie wäre es, wenn wir den (potenziellen) Wählenden der AFD-Faschist:innen nicht mehr ständig entgegenschleudern, wie sehr wir sie verachten? Sind es nicht sowieso schon zu viele, und unser verbaler Widerstand würde zwecklos sein? Bestärken wir sie mit unseren andauernden Vorwürfen noch zusätzlich in ihrer absehbaren Wahlentscheidung?

    Diese Fragen stellt sich auch Monchi, bürgerlich: Jan Gorkow, der Sänger der Punkrockband „Feine Sahne Fischfilet“, in „Jenseits der Brandmauer“ (Gorkow 2026). Sein neues Buch, über das der SWR differenziert und ausführlich berichtet, durchzieht unter anderem ein überraschendes Plädoyer für einen Strategiewechsel: Monchi beobachtet in seiner Heimat Menschen, die politisch nach weit rechts neigen, aber eher nicht wählen gehen. Kurzfristig seien sie nicht davon zu überzeugen, ins demokratische Lager zu wechseln. Das gesellschaftliche Klima vor Ort sei entsprechend belastet. Er wolle und werde vor den Rechten aber nicht weichen, wolle gleichwohl alles dafür tun, dass sie nicht noch stärker werden. Deshalb hält er es für ein legitimes Ziel, mit potenziellen Wähler:innen extrem rechter Parteien Umgang zu pflegen und sie nicht intensiv politisch zu agitieren. Seine Befürchtung ist, dass damit eine Trotzreaktion ausgelöst würde, die sie noch zusätzlich zum Gang an die Wahlurne motivieren würde. Die Akzeptanz des Nichtwählens wird in dieser Denkweise zum Akt der demokratischen Schadensminderung.

    Aus Monchis Thesen ergeben sich mindestens zwei Fragen:

    1. Sollen wir vor den rechtsextremen Krakeelern, die in Ostdeutschland mittlerweile kurz davor sind, Regierungen zu übernehmen, kapitulieren?
    2. Was für Folgen hat es für die Legitimität unserer Demokratie, wenn wir es lieber sehen, dass Rechte nicht wählen, und uns deshalb nicht bemühen, sie von demokratischen Alternativen zu überzeugen?

    Keine Kapitulation in der Hochburg der Rechtsextremen

    Buch-Cover: Jan-Gorkow, Jenseits der Brandmauer.

    Monchi selbst spricht nicht von Kapitulation, stattdessen will er pragmatisch agieren. Er hält es für lebensfremd, Faschist:innen komplett auszugrenzen. Dafür seien es einfach zu viele. Bezugsrahmen für seine Thesen sind die Verhältnisse in seinem Heimatort Jarmen in Mecklenburg-Vorpommern. Dorthin ist er – als mittlerweile junger Familienvater – vor einigen Jahren zurückgekehrt. Bei der Bundestagswahl 2025 erzielte die AfD in Jarmen 54 Prozent, erfahren wir im Interview mit der taz. Wie sichtbar die Rechtsextremist:innen dort sind, untermalt er mit zahlreichen Beispielen.

    Auf keinen Fall will der Punkrock-Promi seinen Wohnort den Rechten überlassen. Deswegen engagiert er sich dort für die Stadtgemeinschaft und versucht, möglichst viele der Einwohnenden zu erreichen. Sie sollen ein Gefühl der Selbstwirksamkeit entwickeln und die Erfahrung machen, dass man vor Ort gemeinsam – und in Kooperation mit sehr diversen Gruppen – einiges erreichen kann. Im Buch finden sich beeindruckende Schilderungen rund um das Festival „Wasted in Jarmen“ sowie das Projekt eines Skateparks, zu dem Monchi mit einigen Jugendlichen und dem Ortsbürgermeister die Initiative ergriffen hat. Beim Festival helfen demnach Menschen mit, die zwar durchaus rechts denken, im Rahmen der Veranstaltung aber akzeptieren, dass AFD-Parolen unerwünscht sind und ein buntes Publikum empfangen wird. Und auch der Skatepark hat sich zum Jugendtreff für alle entwickelt.

    Kritiker:innen werfen Monchi Naivität vor

    Mit seinen Initiativen setzt Monchi einen Kontrapunkt zum ewigen Dagegensein der Rechtsextremen und deren Verhetzung von allem, was nicht ihrem 1933er-Weltbild entspricht. Mittel- und langfristig, scheint er zu hoffen, ließen sich mit den Erlebnissen der Selbstwirksamkeit und der Gemeinschaft einige seiner Mitbürger:innen wenigstens graduell wieder in die demokratische Sphäre zurückholen. Zumindest werde ein weiteres Abgleiten zu den Faschist:innen verhindert. Es reicht ihm für den Anfang offensichtlich zunächst aus, wenn das Zusammenleben im Ort möglichst konfliktarm verläuft und sich alle in einem gewissen Rahmen vertragen.

    Es ist wenig erstaunlich, dass einige Social-Media-Akteur:innen auf der linken Seite bei so etwas Schnappatmung bekommen: „Heutzutage kann wirklich jeder Kasper ein Buch zu random Themen veröffentlichen und wird damit auch noch ernst genommen es ist zum Haare raufen“, empört sich exemplarisch der Bluesky-Account „@psychrebel“ (die kreative Rechtschreibung und die nicht minder originelle Zeichensetzung entstammen dem Original). In den Kommentaren dazu bemängelt „@pflanzenkraft“, dass Monchis Perspektive ausblende, dass Menschen real durch Faschist:innen gefährdet würden. Er oder sie vermisse „sowas wie Empathie dafür, sondern lese primär raus, wie man sich selber vor Ort mit der Situation arrangieren kann. So die Heinz Rühmann Lösung.“

    Effektive demokratische Systeme gelten als legitim

    Was ist es also für ein Demokratieverständnis, wenn wir Faschist:innen – die definitionsgemäß Demokratiefeinde sind – erstmal machen lassen, während wir uns in ein bisschen lokale heile Welt zurückziehen? Kann es legitim sein, wenn wir es bevorzugen würden, dass jemand gar nicht wählt, bevor er seine Stimme der AfD gibt? Dazu lohnen sich einige allgemeine Überlegungen.

    Demokratie lebt vom Vertrauen der Menschen. Sie sollten sich sicher sein können, dass Entscheidungen frei und sachgerecht sowie auf der Basis der durch Wahlen erzielten Mehrheitsverhältnisse zustandekommen. Außerdem sollte auch Gewissheit herrschen, dass man als Wählende:r selbst im gewissen Maß Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen kann, indem man beispielsweise nicht genehme Regierungen abwählen oder missliebige Beschlüsse durch Bürgerbegehren kippen kann.

    Der „demokratisch[e] Legitimationsglauben“ (Kneip/Merkel 2017) spielt eine zentrale Rolle dabei, ob und wie deutlich die Bürger:innen ihre Demokratie anerkennen und sich für sie engagieren. Laut Sascha Kneip und Wolfgang Merkel bilden demokratische Verfahren, die zu fairen Politikergebnissen führen, dafür die Voraussetzung (vgl. ebd.). Über die traditionellen demokratischen Institutionen hinaus benennen sie weitere Faktoren: „Auch Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Bürgerinitiativen sind in den letzten drei Jahrzehnten als besondere, normativ orientierte Interessengruppen wichtige Akteure für die Legitimitätsproduktion geworden.“ (ebd.)

    Idealerweise bringen die verschiedenen Einwirkungsmöglichkeiten in einer demokratischen Gesellschaft also faire Ergebnisse hervor. Den Bürger:innen vermittelt sich ein gewisses „politisches Effektivitätsgefühl“ – laut Monika Oberle und Julia Schwanholz „die Einschätzung der eigenen Selbstwirksamkeit im Bereich der Politik, also die Ein­schätzung des Einflusses, den man selbst auf die politische Wil­lensbildung und politische Entscheidungen nehmen zu können meint.“ (Oberle/Schwanholz 2023: 2)

    Unzufriedenheit mit „der Politik“ = Kreuz bei Rechtsextremen?

    Allerdings scheint es so zu sein, dass das Effektivitätsgefühl bei AfD-Wählenden ganz besonders gering ausgeprägt ist. Der Politikwissenschaftler Frank Decker bescheinigt den Anhänger:innen der rechtsextremen Partei: „Die AfD-Wähler weisen hier zum einen im Vergleich zu den anderen Wählern ein viel höheres Maß an politischer Unzufriedenheit auf, zum anderen eine deutlich größere Nähe zu rechtsextremen Überzeugungen.“ (Decker 2026)

    An diesem Punkt kann es gefährlich werden. Bürger:innen, die glauben, dass „die Politik“ sowieso nichts für sie tut, sind schwerer für etablierte politische Prozesse aktivierbar. Im schlimmsten Fall lassen sie sich für die Zwecke von verfassungsfeindlichen Parteien einspannen. Der Münsteraner Politikwissenschaftler Armin Schäfer bestätigte dies bereits 2020 im Interview mit dem Deutschlandfunk mit Blick auf einschlägige Statistiken: „Man kann zeigen, dass diejenigen, die den Bundestag – oder generell die Parlamente – als nicht responsiv wahrnehmen, eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, nicht wählen zu gehen oder für Protestparteien zu stimmen.“

    Protestparteien – in der Regel also rechtspopulistische bis rechtsextreme, auf jeden Fall aber gegen die bestehenden Verfassungsordnungen kämpfende Parteien – gewinnen an Boden. Ihr Aufstieg, aber auch der grundsätzliche Vertrauensverlust und das nachlassende Engagement für die demokratischen Prozesse lösen laut Wolfgang Merkel eine „Erosion der demokratischen Qualität“ (Merkel 2024) aus – in den USA, Indien oder der Türkei genauso wie auch in vermeintlich gefestigten europäischen Demokratien wie Italien, Frankreich, Österreich oder Deutschland (vgl. ebd.).

    Die Qualität einer Demokratie nimmt also sowohl durch die Nichtwahl als auch durch die Wahl rechtsextremer Parteien Schaden. Allerdings dürfte die unmittelbare Gefährdung eines demokratischen Systems größer sein, wenn rechtsextreme Kräfte in Regierungsverantwortung gewählt werden. Deswegen kann, so scheint es mir, Monchis Strategie quasi als Zwischenschritt akzeptabel sein. Es wäre legitim, potenzielle, aber eher zur Nichtwahl neigende AfD-Sympathisierende nicht mit lautem Widerspruch zu provozieren, damit sie nicht doch noch in Richtung Wahllokal aufbrechen. Dabei darf es aber nicht bleiben!

    Wolfgang Merkels Konzept der demokratischen Resilienz

    Grundsätzlich müsste das demokratische System widerstandsfähiger gegen demokratiegefährdende Tendenzen werden, meint Wolfgang Merkel. Dazu hat er ein Konzept vorgelegt. Unter „demokratischer Resilienz“ versteht er „die Fähigkeit eines demokratischen Regimes, externe Herausforderungen und interne Stressoren zu absorbieren und sich den wandelnden funktionalen Bedingungen demokratischen Regierens dynamisch anzupassen, ohne in einen Regimewandel zu geraten oder seine definierenden Prinzipien, Funktionen und Normen aufzugeben oder zu beschädigen.“ (Merkel 2024). Das Augenmerk solle auf vier Ebenen gerichtet werden, um die Qualität einer Demokratie zu sichern: die konstitutionellen Gewalten, die Parteien und Parteiensysteme, die Zivilgesellschaft und die Diskurse sowie nicht zuletzt die politische Gemeinschaft (vgl. ebd.).

    Wenn wir diesem Ansatz folgen, sind vier Faktoren für die Widerstandsfähigkeit eines demokratischen Systems entscheidend:

    1. Verfassungs- und gesetzliche Regelungen bilden die Leitplanken für die Integrität des demokratischen Systems und weisen antidemokratische Bewegungen ab,
    2. die Parteien müssen Meinungen und Stimmungen der Bevölkerung aggregieren und sich stabil gegen destabilisierende Tendenzen stellen,
    3. in den zivilgesellschaftlichen Aktivitäten und Diskursen finden alle ihre Mitwirkungsmöglichkeiten,
    4. und in der politischen Gemeinschaft gibt es eine Übereinkunft, die es jedem:r ermöglicht, sich einzufügen.

    Fazit: Schaden auf der einen, Nutzen auf der anderen Seite

    Es klingt paradox: Nicht zu wählen kann die Demokratie stärken. Besser wäre es natürlich, wenn nahezu alle Wahlberechtigten ihr verfassungsmäßiges Recht ausübten, ihre parlamentarischen Repräsentant:innen zu bestimmen. Diese Aussage gilt allerdings nur, wenn der Wahlakt eingebettet ist in ein resilientes, funktionsfähiges demokratisches System. In einem solchen idealen System sind sich alle Parteien sowie ihre Wähler:innen einig, dass sie die Gesellschaft auf der Basis eines freien, demokratischen und sozialen Rechtsstaates weiterentwickeln wollen. Die Menschen engagieren sich zivilgesellschaftlich für das Wohl aller, sie tauschen sich im Rahmen des demokratischen Konsenses – auch kontrovers – untereinander aus. Und sie fühlen sich als Teil einer Gemeinschaft von Bürger:innen, in der alle für den Bestand des Systems eintreten.

    Aktuell scheinen diese Voraussetzungen nicht mehr gegeben zu sein. Ein größer werdender Anteil der Menschen entfernt sich immer mehr vom Konsens der demokratischen Gemeinschaft und wählt folgerichtig Parteien, die die demokratische Verfassungsordnung gefährden und jetzt schon einen gefährlichen Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs ausüben. Gewännen diese Parteien weiteren Einfluss, nähme auch die Verfassungs- und Gesetzesordnung Schaden.

    Auf der Basis dieser Überlegungen kann es legitim sein, im Sinne der Schadensminderung Maßnahmen zu ergreifen, die Wahlerfolge der extremen Rechten verhindern könnten. Wenn Monchi also überlegt, „problematische“ Gruppen zumindest nicht zur Wahlteilnahme zu motivieren, schwächt er damit zwar die „Legitimitätsproduktion“. Da er zugleich aber Bürgerengagement initiiert und ganz unterschiedliche Menschen in Projekte wie das „Wasted …“-Festival oder den Skatepark integriert, fördert er den Legitimitätsglauben wiederum auf der zivilgesellschaftlichen und diskursiven Ebene, und er stärkt die demokratische Gemeinschaft. Mit etwas Glück gelingt es über diese Schritte, Teile der potenziellen AFD-Wählenden wieder ins „demokratische Lager“ zurückzuholen, sodass sie künftig wieder Parteien wählen, die das demokratische System nicht beseitigen wollen. Dem „Schaden“ auf der einen stünde der „Nutzen“ auf der anderen Seite gegenüber.

    Literatur

    Decker, Frank (2026): Wahlergebnisse und Wählerschaft der AfD. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. Online im Internet, URL: https://www.bpb.de/themen/parteien/parteien-in-deutschland/afd/273131/wahlergebnisse-und-waehlerschaft-der-afd/, zuletzt abgerufen am 10.9.2026.

    Gorkow, Jan (2026): Jenseits der Brandmauer. Über mein Leben in der ostdeutschen Provinz. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

    Kneip, Sascha und Wolfgang Merkel: Garantieren Wahlen demokratische Legitimität? In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 38-39/2017: Bundeszentrale für politische Bildung. Online im Internet, URL: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/255960/garantieren-wahlen-demokratische-legitimitaet/, zuletzt abgerufen am 10.9.2026.

    Merkel, Wolfgang (2024): Wie resilient ist unsere Demokratie? In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 27/2024: Bundeszentrale für politische Bildung. Online im Internet, URL: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/demokratie-in-gefahr-2024/549906/wie-resilient-ist-unsere-demokratie/

    Oberle, Monika u. Julia Schwanholz (2023): Demokratie ohne Wahlbeteiligung? Potenziale politischer Bildung an Schulen besser nutzen! In: Weiterdenken 1/2023: Diskussionspapier des Landesbüros NRW der Friedrich-Ebert-Stiftung, S. 1–4. Online im Internet, URL: https://collections.fes.de/publikationen/periodical/zoom/1316989, zuletzt abgerufen am 10.9.2026.

    Bildquellen

    • Für das Beitragsbild habe ich folgendes Bild verwendet: Bruno Fischer (B.o.fan): „Feine Sahne Fischfilet Abschlussaufstellung beim Festival Wasted in Jarmen, Mecklenburg-Vorpommern, 09.09.2023“, Wikimedia Commons. Veröffentlicht unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0). Bildquelle auf Wikimedia Commons · Lizenz CC BY-SA 4.0
    • Das im Text abgebildete Buch-Cover stammt vom Verlag Kiepenheuer&Witsch und ist verlinkt auf dieser Produktseite
  • Paul Auster: Stadt aus Glas: So etwas hatte ich noch nicht gelesen

    Paul Auster: Stadt aus Glas: So etwas hatte ich noch nicht gelesen

    Gerade befinde ich mich an der Nordsee, genauer gesagt, in Friedrichskoog-Spitze. Dorthin fahre ich schon seit einigen Jahren über den Jahreswechsel. Der Hund hat hier etwas mehr Ruhe vor der Silvester-Böllerei, auch wenn hier noch genug Idioten (Gendern unnötig) Sprengstoff in die Luft jagen.

    Aus der Zeit gefallener Buchladen

    Eine meiner liebsten „Traditionen“ hier in der schleswig-holsteinischen „Pampa“ ist es, einen wirklich charmanten, komplett aus der Zeit gefallenen Buchladen in Meldorf aufzusuchen: Peter Panter Buchladen. Dass es solche Läden mit einer alternativen, kuratierten Buchauswahl überhaupt noch gibt, ist toll. Ohne die Buchpreisbindung wäre es sicher kaum möglich.

    Ich lande dort also mindestens einmal pro Winteraufenthalt an und suche mir Lektüre für die kommenden Tage aus. Weil Urlaub ist, darf es auch gern mal etwas sein, das ich sonst nicht lese.

    Erster Teil der New-York-Trilogie

    Dieses Mal traf ich ins Schwarze: In meinem Rucksack landete die New-York-Trilogie von Paul Auster. Den ersten der drei Romane, „Stadt aus Glas“, habe ich mittlerweile durchgelesen. Was soll ich sagen: Es ist ein tolles, anregendes und wirklich leicht verstörendes Buch.

    Habe ich den Roman verstanden? Komplett sicher nicht. Dabei ist die Handlung erst einmal gar nicht so schwer. Autor Daniel Quinn erhält einen Anruf, dass er Peter Stillman vor seinem gleichnamigen Vater schützen soll, der bald aus dem Gefängnis entlassen wird. Dieser ist ein durchgeknallter Theologieprofessor, der seinen Sohn vor seinem Gefängnisaufenthalt misshandelt haben soll.

    Nur ist es so, dass der Anruf gar nicht Quinn gilt, sondern an Paul Auster gerichtet ist. Quinn, der als Autor unter einer anderen Identität publiziert, schlüpft also quasi in die Rolle des Romanverfassers selbst.

    Identität und Bewegung sind die großen Themen

    Identität spielt in dem ganzen Roman eine überragende Rolle. Wer ist wer, oder ist es vielleicht doch ganz anders? Auch Peter Stillman selbst, der offensichtlich geistig beeinträchtigt ist, nennt für sich mehrere Namen. Dann gibt es noch Peters Frau Virginia, die gegenüber Quinn behauptet, das Geschehen zu überblicken. Ob das wirklich so ist, bleibt offen. Später verschwindet sie samt Peter spurlos.

    Eine große Rolle in dem Buch spielt Bewegung. Quinn läuft ständig durch New York, detailliert werden seine Wege durch die verschiedenen Straßen nachgezeichnet. Aber auch Stillman senior wandert – scheinbar ziellos? – durch die Mega-Stadt. Der Zweck dieser Wandereien bleibt offen.

    Plötzlich spielt der Autor selbst mit

    Zu allem Überfluss taucht dann auch noch Paul Auster selbst samt Gattin Siri Hustvedt in der Geschichte auf. Und zwar, so wird es behauptet, in ihrer realen Erscheinungsform. Paul Auster und Daniel Quinn führen ein langes Gespräch über die Rezeption des Romans Don Quichote. Inhalt: Wer erzählt diese Geschichte eigentlich, was sehr kompliziert zu sein scheint? Parallelen zu der Frage, wer eigentlich „Stadt aus Glas“ erzählt, drängen sich geradezu auf.

    Ihr merkt, dass Handlung und Bedeutung dieses Romans alles andere als eindeutig sind. Nicht nur das, es ist sogar verwirrend. Paul Auster unterlässt es konsequent, Hinweise auf eine etwaige Auflösung der Verwirrung zu geben. Darunter leidet ganz offensichtlich auch Protagonist Daniel Quinn, der sich im Verlauf der Geschichte komplett verliert.

    Dies kulminiert darin, dass er zum Schluss obdachlos wird, all seinen Besitz, bis auf ein rotes Notizbuch, wegwirft, eine Zeit lang nackt dahinvegetiert, wobei ihm aus unklarer Quelle Nahrung zur Verfügung gestellt wird, und schlussendlich verschwindet. Sein weiteres Schicksal: unklar.

    Wer erzählt hier eigentlich?

    Zu weiterer Klarheit trägt definitiv auch nicht bei, dass im Schlusskapitel der Erzähler der Geschichte ins Rampenlicht tritt. Er gibt sich als Freund von Paul Auster aus. Ob das stimmt, darf zumindest bezweifelt werden. Schließlich bleibt die Frage: Wer erzählt diese Geschichte eigentlich? Welche dieser Figuren gab es wirklich? Wo begann die Fantasie, gab es überhaupt Realität, und welche Rolle spielt New York dabei eigentlich?

    Spannend! Ich bin zunächst einmal gespannt auf die Teile zwei und drei der Trilogie.