Gute Texte für das ganze Bild

Schlagwort: Buchbesprechung

  • Paul Auster: Stadt aus Glas: So etwas hatte ich noch nicht gelesen

    Paul Auster: Stadt aus Glas: So etwas hatte ich noch nicht gelesen

    Gerade befinde ich mich an der Nordsee, genauer gesagt, in Friedrichskoog-Spitze. Dorthin fahre ich schon seit einigen Jahren über den Jahreswechsel. Der Hund hat hier etwas mehr Ruhe vor der Silvester-Böllerei, auch wenn hier noch genug Idioten (Gendern unnötig) Sprengstoff in die Luft jagen.

    Aus der Zeit gefallener Buchladen

    Eine meiner liebsten „Traditionen“ hier in der schleswig-holsteinischen „Pampa“ ist es, einen wirklich charmanten, komplett aus der Zeit gefallenen Buchladen in Meldorf aufzusuchen: Peter Panter Buchladen. Dass es solche Läden mit einer alternativen, kuratierten Buchauswahl überhaupt noch gibt, ist toll. Ohne die Buchpreisbindung wäre es sicher kaum möglich.

    Ich lande dort also mindestens einmal pro Winteraufenthalt an und suche mir Lektüre für die kommenden Tage aus. Weil Urlaub ist, darf es auch gern mal etwas sein, das ich sonst nicht lese.

    Erster Teil der New-York-Trilogie

    Dieses Mal traf ich ins Schwarze: In meinem Rucksack landete die New-York-Trilogie von Paul Auster. Den ersten der drei Romane, „Stadt aus Glas“, habe ich mittlerweile durchgelesen. Was soll ich sagen: Es ist ein tolles, anregendes und wirklich leicht verstörendes Buch.

    Habe ich den Roman verstanden? Komplett sicher nicht. Dabei ist die Handlung erst einmal gar nicht so schwer. Autor Daniel Quinn erhält einen Anruf, dass er Peter Stillman vor seinem gleichnamigen Vater schützen soll, der bald aus dem Gefängnis entlassen wird. Dieser ist ein durchgeknallter Theologieprofessor, der seinen Sohn vor seinem Gefängnisaufenthalt misshandelt haben soll.

    Nur ist es so, dass der Anruf gar nicht Quinn gilt, sondern an Paul Auster gerichtet ist. Quinn, der als Autor unter einer anderen Identität publiziert, schlüpft also quasi in die Rolle des Romanverfassers selbst.

    Identität und Bewegung sind die großen Themen

    Identität spielt in dem ganzen Roman eine überragende Rolle. Wer ist wer, oder ist es vielleicht doch ganz anders? Auch Peter Stillman selbst, der offensichtlich geistig beeinträchtigt ist, nennt für sich mehrere Namen. Dann gibt es noch Peters Frau Virginia, die gegenüber Quinn behauptet, das Geschehen zu überblicken. Ob das wirklich so ist, bleibt offen. Später verschwindet sie samt Peter spurlos.

    Eine große Rolle in dem Buch spielt Bewegung. Quinn läuft ständig durch New York, detailliert werden seine Wege durch die verschiedenen Straßen nachgezeichnet. Aber auch Stillman senior wandert – scheinbar ziellos? – durch die Mega-Stadt. Der Zweck dieser Wandereien bleibt offen.

    Plötzlich spielt der Autor selbst mit

    Zu allem Überfluss taucht dann auch noch Paul Auster selbst samt Gattin Siri Hustvedt in der Geschichte auf. Und zwar, so wird es behauptet, in ihrer realen Erscheinungsform. Paul Auster und Daniel Quinn führen ein langes Gespräch über die Rezeption des Romans Don Quichote. Inhalt: Wer erzählt diese Geschichte eigentlich, was sehr kompliziert zu sein scheint? Parallelen zu der Frage, wer eigentlich „Stadt aus Glas“ erzählt, drängen sich geradezu auf.

    Ihr merkt, dass Handlung und Bedeutung dieses Romans alles andere als eindeutig sind. Nicht nur das, es ist sogar verwirrend. Paul Auster unterlässt es konsequent, Hinweise auf eine etwaige Auflösung der Verwirrung zu geben. Darunter leidet ganz offensichtlich auch Protagonist Daniel Quinn, der sich im Verlauf der Geschichte komplett verliert.

    Dies kulminiert darin, dass er zum Schluss obdachlos wird, all seinen Besitz, bis auf ein rotes Notizbuch, wegwirft, eine Zeit lang nackt dahinvegetiert, wobei ihm aus unklarer Quelle Nahrung zur Verfügung gestellt wird, und schlussendlich verschwindet. Sein weiteres Schicksal: unklar.

    Wer erzählt hier eigentlich?

    Zu weiterer Klarheit trägt definitiv auch nicht bei, dass im Schlusskapitel der Erzähler der Geschichte ins Rampenlicht tritt. Er gibt sich als Freund von Paul Auster aus. Ob das stimmt, darf zumindest bezweifelt werden. Schließlich bleibt die Frage: Wer erzählt diese Geschichte eigentlich? Welche dieser Figuren gab es wirklich? Wo begann die Fantasie, gab es überhaupt Realität, und welche Rolle spielt New York dabei eigentlich?

    Spannend! Ich bin zunächst einmal gespannt auf die Teile zwei und drei der Trilogie.