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  • Die Tagesthemen zitieren Nius: Warum das allein kein Grund zur Empörung ist

    Die Tagesthemen zitieren Nius: Warum das allein kein Grund zur Empörung ist

    Das Land steht vor dem Untergang! Bald werden die Linksradikalen unsere schöne Freiheit zerstören. Nicht mehr lange, dann werden die Nazis unsere Demokratie hinweggefegt haben. Diese beiden, doch eher pointierten, sich bei der Diagnose „Untergang“ aber erstaunlich einigen Meinungen sind auf Social-Media-Portalen wie Twitter (jetzt X) oder BlueSky leicht zu finden und nur wenige Klicks voneinander entfernt – auf Twitter dürfte die Angst vor dem linksradikalen Overkill allerdings dominieren.

    Negatives klickt am besten

    Dass sich solch „prägnante“ Ansichten so schnell durchsetzen, liegt an der Funktionsweise sozialer Medien. Aufmerksamkeit erringen dort kurze, zugespitzte, gern auch krasse Beiträge, die anschlussfähig an die Meinung der jeweiligen Nutzenden sind. Und was klickt besonders gut? Klar, schlechte Nachrichten und pessimistische Meinungen. Oder, wie tagesschau.de den Politik- und Kommunikationswissenschaftler Andreas Jungherr wiedergibt: Die Sicht auf die Wirklichkeit werde durch die sozialen Medien verzerrt – und zwar ins Negative.

    Was mir immer wieder auffällt, ist, dass durch die Diskurse in den „sozialen“ Medien die etablierten Medien unter Legitimitätsdruck geraten. Das ist einerseits auch gut so, weil sie ja beileibe nicht alles richtig machen, andererseits halte ich es für gefährlich. Immerhin ist eine Demokratie auf gut funktionierende, akzeptierte Medien angewiesen. Es dürfte also kontraproduktiv sein, wenn diese – und hier vor allem der öffentlich-rechtliche Rundfunk – unablässig von beiden politischen Rändern her sturmreif geschossen werden.

    Der Zusammenhang wird komplett ausgeblendet

    Wenig Verständnis habe ich insofern für einen gerade in der linken BlueSky-Blase ablaufenden Diskurs. Es geht darum, dass die Tagesthemen in dieser Sendung (ca. ab Minute 4:35) das extrem rechte Krawall-Portal Nius zitiert haben. Mit großer Geste belehren diverse Accounts (tatsächlich sind es nur wenige originäre Posts wie dieser, die dann in der Blase andauernd werden) ihre Empfangenden, dass es völlig unzulässig und abzulehnen sei, ein solches tendenziöses Propagandamedium in einem qualitätsmedialen Umfeld zu zitieren, weil man dem Portal dadurch Legitimität verleihe. Ganz falsch ist diese Argumentation nicht.

    Screenshot eines X-Posts über ein Nius-Zitat in den Tagesthemen vom 7.5.2026

    Warum aber nennen die Postenden den Zusammenhang nicht, und warum verlinken sie nicht den inkriminierten Beitrag? Es geht nämlich um eine Äußerung von Bundesministerin Bärbel Bas im Bundestag, in der sie auf die Zwischenfrage eines Abgeordneten zur „Einwanderung in die deutschen Sozialsysteme“ antwortet, es gebe eine solche Einwanderung nicht. Zunächst wird dieser Satz isoliert gesendet. Daraufhin blenden die Autorinnen und Autoren des Tagesthemenbeitrages verschiedene Kommentierungen rechter Medien ein, und zwar– in dieser Reihenfolge – von Focus, Bild und Nius – also immer weiter nach rechts eskalierend. Es folgen rechte Politikerköpfe, die sich ebenfalls über diesen einen Satz der Sozialministerin empören.

    Manche Sachverhalte sind einfach zu komplex

    Dann endlich beginnen die Tagesthemen mit der Einordnung. Viel wichtiger ist, dass sie Bas‘ Antwort auch in einer längeren Version zeigen. Sie ordnete ihre Äußerung nämlich in den Zusammenhang ein, dass Deutschland Fachkräftemangel habe und Zuwanderung benötigt werde, um diesem zu begegnen. Deutlich wird in dem Beitrag, dass die Antwort der Ministerin isoliert betrachtet natürlich Unfug ist, dass sie aber mit Sicherheit anders gemeint war. Bas wollte darlegen, dass Migrierende wohl eher nicht wegen der Sozialsysteme in die Bundesrepublik kämen und dass es in der Migrationspolitik weniger darum gehen müsse, eine Zuwanderung in die Sozialsysteme zu verhindern, sondern vielmehr darum, neue Fachkräfte für die darbende Wirtschaft zu gewinnen.

    Ich habe nun viele Worte zur Beschreibung dieses Sachverhaltes verloren. Was fällt dabei auf? Genau, das passt alles nicht in die 280 Zeichen eines X- oder BlueSky-Posts. Dinge sind oft viel zu komplex, um sie auf eine steile These herunterzubrechen. Wenn vermeintlich klickstarke, in der eigenen Blase erwartbarer Weise gute Resonanz findende Posts verfasst werden, indem Kleinigkeiten aus einem völlig anderen Kontext herausgerissen werden, dann wird es schwierig. Die Verfassenden dieser Posts sind in aller Regel nicht blöd. Sie könnten ahnen und es spätestens an den Kommentaren sehen, dass sie – gerade wenn es um abfällige Äußerungen über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk geht – weitere abfällige Kommentare provozieren. Damit betreiben sie dann ein Geschäft, das gefährlich ist. Sie untergraben nämlich das Vertrauen in dieses für die Demokratie so wichtige Medienangebot.

    Wo berechtigte Kritik ansetzen könnte

    Deswegen muss und sollte niemand auf Medienkritik verzichten! Das betrifft gerade auch den hier besprochenen Tagesthemenbeitrag. Er ist sicher nicht sehr gelungen. Es wird zwar klar, dass die Autorinnen und Autoren zeigen wollten, dass Bärbel Bas‘ Äußerung die (weit) rechte politische Seite angezündet hatte, die darauf mit der erwartbaren Empörung reagierte. Es wird auch eingeordnet, dass die rechte Kritik weitgehend fehlgeht. Die Frage muss gleichwohl gestellt werden, ob es überhaupt nötig war, die inszenierte rechte Empörung über Bas‘ unglückliche Antwort als so wichtig zu bewerten, dass darüber ein eigener Beitrag gemacht wurde. Denn faktisch hat man damit das rechte Standardthema, dass Ausländer:innen gezielt in unsere Sozialsysteme einwanderten und diese unberechtigt in Anspruch nähmen, unterfüttert.

    Genau dies bemängeln die Postenden der oben genannten Beiträge aber gar nicht. Sie machen diesen Aspekt durch ihre Posting-Praxis sogar unsichtbar. Das halte ich für ein mindestens genauso großes Problem wie die nach meiner Meinung falsche Gewichtung des Sachverhalts durch die Tagesthemen.