Im Jahr 2003 erreicht die Mutter der französischen Autorin Anne Berest eine anonyme Postkarte, auf der lediglich vier Namen notiert wurden: Ephraim, Emma, Noémie und Jacques. Es sind nicht irgendwelche Namen, sondern so hießen Lélias Großeltern, ihre Tante und ihr Onkel. Alle vier wurden 1942 in Auschwitz ermordet.
Das ist der Ausgangspunkt des Romans „Die Postkarte“ (Berest 2023) von Anne Berest. Es ist ein großes Buch mit einem monströsen Inhalt. Anne Berest nimmt ihre Leserinnen und Leser mit auf eine rund ein Jahrhundert umspannende Reise durch die europäische Geschichte und den Antisemitismus. Bisweilen verwirrend, immer packend und ohne Unterlass wird erzählt, wie es Anne Berests Vorfahren, der Familie Rabinovitch, erging, die zunächst in Russland als Kaufleute lebten und wegen des dort unerträglich werdenden Antisemitismus’ zunächst nach Riga, dann nach Palästina und schließlich – das gilt zumindest für einen Teil der Familie – nach Paris und schließlich aufs Land im Pariser Umkreis emigrieren.
Holocaust hat tiefe Spuren hinterlassen
Hier ist nicht der Platz, um die Geschichte der Familie Rabinovitch in aller Ausführlichkeit nachzuerzählen (vgl. dazu und zum Vorstehenden u.a. Geißler 2023, Bittermann 2023, Schäfer, o. D.). Es ist eine jener schrecklichen Familienkonstellationen, in die der Holocaust und der nationalsozialistische Terror unzählige, nicht mehr zu tilgende Spuren eingraviert haben.
Wie prägend die Familiengeschichte auf vielen Ebenen ist, wird in dem Moment klar, als die rätselhafte Postkarte in Lélias Briefkasten landet. Es ist zunächst Annes Mutter, die herauszufinden versucht, wer sie verschickt haben könnte. Nach einer gewissen Zeit lässt sie es aber dabei bewenden. Erst über zehn Jahre später wird Anne selbst auf die Karte aufmerksam und gerät darüber ins Gespräch mit ihrer Mutter.
Der Roman verknüpft die verschiedenen Recherchen miteinander. Zunächst wird – basierend auf dem, was Lélia von ihrer Mutter Myriam erfahren hat – der Schwerpunkt auf das Schicksal Emmas, Ephraims und ihrer Kinder gelegt. Von diesen Kindern hat nur Myriam überlebt. Lélias Mutter war durch einen Zufall gerade nicht zu Hause, als ihre Geschwister deportiert wurden. Als ihre Eltern schließlich auch verschleppt werden, ist sie bereits verheiratet und im Widerstand aktiv.
Anne und Lélia reisen sogar gemeinsam in das Dorf nahe Paris, in dem sich das Haus von Emma und Ephraim befand. Auch nach so langer Zeit finden sich dort noch Spuren des früheren Lebens. So entdecken sie unter anderem das Klavier der Familie im Haus eines Nachbarn. Trotz des großen Abstands zu den Ereignissen scheint außerdem noch eine Art Schweigegelübde in dem Ort zu herrschen.
Blockaden bei der Weitergabe der Familiengeschichte
Geschwiegen wird auch innerfamiliär. Sowohl Myriam als auch Lélia selbst weigern sich an gewissen Stellen, über bestimmte Lebensereignisse zu sprechen. Der Schmerz oder auch die Scham scheinen zu stark zu sein. So gelingt es Lélia nur bruchstückhaft, von Myriam Näheres über deren Zeit im Widerstand in Südfrankreich zu erfahren. Dorthin, in die provenzalischen Berge, hatte sie sich mit ihrem nunmehrigen Ehemann Vicente zurückgezogen. Was genau dort vor sich gegangen ist und wie die Beziehung zwischen Myriam und Lélias Vater Vicente, der sich umbrachte, als Lélia drei Jahre alt war, verlief, kann oder will sie nicht erzählen. Vieles davon entnimmt Annes Mutter dann Notizen, die sie nach Myriams Tod findet.
Nicht minder herausfordernd ist der Umgang von Annes Mutter mit ihrer Herkunft. Lange tut sie die jüdische Prägung ihrer Familie als eher unbedeutend ab. Zwar fordert sie Anne nachdrücklich auf, sich intensiv mit der Geschichte ihrer Vorfahren auseinanderzusetzen, verweigert dann aber Antworten. Und selbst Anne, die sich für säkular hält, muss konstatieren, dass die Gesellschaft ihre Familie immer wieder an ihr Jüdischsein erinnert, dass sie jüdisch ist. Als ihre Tochter Clara aus der Schule kommt und nebenbei erwähnt, dass Juden in Frankreich nicht gemocht würden, ist Anne geschockt.
Schwestern stehen in einer Traditionsreihe
Wie tief die jüdische Familiengeschichte in die Gegenwart hineinreicht, wird Anne und ihrer jüngeren Schwester Claire klar, als sie sich über die neu gewonnenen Erkenntnisse austauschen. So leben die Namen von weiblichen Mitgliedern der Familie Rabinovitch in ihren Namen fort. Anne heißt mit Zweitnamen Myriam, Claire trägt den zweiten Namen Noémie. Zwar ist dies grundsätzlich nicht ungewöhnlich, allerdings trägt Anne – unüblich für aschkenasische Familien wie ihre – den Namen einer bei ihrer Geburt noch lebenden Verwandten. Eigentlich werden in dieser Tradition lediglich Namen bereits verstorbener Angehöriger an die Nachkommen weitergegeben, so wie es dann bei Annes Schwester Claire geschah.
Es scheint durchaus möglich, dass Lélia bei der Benennung ihrer erstgeborenen Tochter nach Myriam diese Linie durchbrechen und auf diese Weise ihre säkularen Einstellungen betonen wollte. Als sie Claire dann aber Noémies Namen mitgab, übertrug sie – ob gewollt oder ungewollt – das Drama des Schwesternverlustes doch noch auf eines ihrer Kinder (zur Namenssymbolik in „Die Postkarte“ vgl. (Richmond 2025). Darüber gesprochen hat sie nicht.
Anne wiederum will diese Tradition nun endgültig beenden. Als sie erfährt, dass sie schwanger ist, lehnt sie den Vorschlag ihres Partners strikt ab, den erwarteten Nachwuchs je nach Geschlecht Noémie oder Jacques zu nennen (vgl. ebd.).
Die Recherchen Annes bringen über die Namensgleichheiten hinaus noch einen weiteren Berührungspunkt ans Licht: Tatsächlich verwirklichen sich im Leben der Schwestern – beide wurden Schriftstellerinnen – Sehnsüchte ihrer Vorfahrinnen. Denn ihre Großtante Noémie wäre gern Schriftstellerin geworden. Sie hinterließ sogar einen Romanentwurf, Theaterstücke und einige Gedichte, bevor sie deportiert und als 19-Jährige im Konzentrationslager ermordet wurde. Es scheint so, als gäbe es familiäre Kontinuitäten, die im Guten wie im Schlechten auf die Familie einwirken.
Beschwiegene Traumata werden weitergegeben
Seinen ganz speziellen Reiz bezieht Anne Berests Roman aus der Betrachtung der verschiedenen Generationen. Die Geschichte von Ephraim, Emma, Noémie, Jacques und Myriam basiert im Wesentlichen auf Lélias Recherchen, die wiederum in den Erzählungen Myriams ihren Ausgangspunkt nahmen. Somit sind auch Leerstellen enthalten, die Myriam nicht füllen wollte oder konnte. Die folgenden Stationen in der Familiengeschichte beruhen wiederum mehr auf Annes Recherchen und ihrer Wiedergabe von Lélias Erzählungen. Auch in deren Ausführungen klaffen Lücken, die Anne erst mühsam überbrücken und im Idealfall füllen muss. Eingestreut wird wiederum eine weitere Ebene im dritten „Buch“. Darin tauschen sich Anne und Claire über das Fortwirken der familiären Narrative in ihren eigenen Leben aus.
Der Familiengeschichte entrinnt niemand
Familiengeschichte schreibt sich viel stärker, als wir es uns oft eingestehen möchten, in den Verlauf des eigenen Lebens ein. Dies spricht quasi aus jeder Zeile von „Die Postkarte“. Sie ist nichts Abstraktes, Neutrales, das sich rational oder gar wissenschaftlich ergründen ließe. Was die Mutter von ihrer Mutter erzählt, hat jene schließlich selbst erlebt, es hat sie betroffen – und es betrifft auch die Tochter, die dieses wiederum ihrer Tochter schildert. In Windeseile schlägt sich ein familiäres Ereignis somit – auf je eigene Weise – in den Lebenshorizonten von vier Generationen nieder. Genau darum, die transgenerationale Trauma-Weitergabe, geht es Anne Berest eindeutig.
Dass nicht einmal in der vierten Generation Schluss ist, weil diese familiäre Marke sich bereits in das junge Leben ihrer Tochter Clara eingebrannt hat, scheint Anne Berest im Laufe der Niederschrift ihres Buchs selbst überrascht zu haben.
Generationenübergreifende Prägungen beliebtes Literatur-Sujet
In der Literatur wurden über die vergangenen Jahrzehnte hinweg einige große Geschichten zu generationenübergreifenden familiären Prägungen erzählt. So griff Christa Wolf das Phänomen auf und verfasste mit dem 1976 entstandenen, somit inzwischen 50 Jahre alten Werk „Kindheitsmuster“ (Wolf 1988) eine Erzählung mit autobiografischen Anleihen, berichtet Silke Hasselmann für den Deutschlandfunk (vgl. Hasselmann 2016). Auch Wolf behandelt – wie andere Autor:innen vor und nach ihr – die innerfamiliäre (Nicht-)Kommunikation, die die „Vererbung“ von Traumata an die Nachgeborenen befördert, führt Hasselmann mit Verweis auf die Soziologin Uta Rüchel aus:
Diese Weitergabe an die nächste Generation […] geschieht vor allem dann, wenn die Erlebnisse beschwiegen wurden – aus Scham, aus Angst, [sic!] oder weil sie von dem herrschenden politischen System für tabu erklärt worden waren[.] (Hasselmann 2016)
Wissenschaft identifizierte das Phänomen bei Holocaust-Opfern
Transgenerationale Traumata sind gleichwohl keine Erfindung fantasiebegabter Literat:innen. Seit Langem befasst sich die Psychologie damit sehr intensiv. Aufmerksam wurde die Forschung auf das Phänomen ganz besonders nach dem Holocaust1. Kinder von Überlebenden entwickelten ernste Störungen, die – so fanden Therapeut:innen heraus – damit zusammenhängen, dass ihre überlebenden Eltern im Übermaß oder gar nicht von ihren Erlebnissen während des Nazi-Terrors berichteten. Umgekehrt konnten auch die unablässigen Erzählungen der Älteren bei den Nachkommen Überforderungen und Ängste auslösen.
Zusammenfassend lässt sich die transgenerationale Weitergabe von Traumata folgendermaßen definieren:
Die Weitergabe eines Traumas von einem Elternteil an das eigene Kind wird zumeist als ‚sekundäre Traumatisierung‘ bezeichnet, da die Kinder in Bezug auf die Überlebenden-Generation der direkt Traumatisierten der dieser nachfolgenden zweiten (sekundären) Generation angehören. Die über die zweite Generation vermittelte Trauma-Weitergabe an die Enkel-Generation und die dieser nachfolgenden Generationen wird dann als transgenerationale Trauma-Weitergabe i.e.S. bezeichnet. (Bundestag 2016: 4)
Auf die Trauma-Weitergabe wirken unterschiedliche Faktoren ein: „Biologische Faktoren wie Epigenetik, psychologische Faktoren wie der Bindungsstil der Eltern, aber auch soziale Faktoren wirken mit hinein, ob und wie sich ein Trauma in den nachfolgenden Generationen zeigt.“ (Kemmer 2026) Auch können sich die Beschwerden in der Generationenfolge wandeln:
So übernehmen Kinder und Enkel von Holocaust-Überlebenden nicht notwendigerweise die Angststörung ihrer Eltern und Großeltern, zeichnen sich aber nicht selten durch eine erhöhte Ängstlichkeit aus. (Bundestag 2016: 4)
Den Teufelskreis zu durchbrechen, gelingt am besten mit intergenerationeller Kommunikation. Idealerweise geschieht dies in einem geschützten Raum. Eine Voraussetzung für ein gelingendes Gespräch in diesem Sinne sei die feste Verabredung, den anderen erzählen zu lassen, ohne mit Vorwürfen, Ablehnung oder Abwendung zu reagieren, sagt die Soziologin Uta Rüchel im Bericht des Deutschlandfunks (vgl. Hasselmann 2016).
Fazit: eine packende Familiengeschichte, die noch viel mehr bietet
Die Lektüre von „Die Postkarte“ lohnt sich gleich mehrfach. Zum einen ist es eine zutiefst bewegende Familiengeschichte. Zum anderen hinaus bietet der Roman noch mehr an, nämlich die Erkenntnis, wie die schrecklichen Erlebnisse unserer (Ur-)Großeltern noch greifbare Folgen in unserem aktuellen Leben hinterlassen können.
Zu hoffen ist, dass Anne Berest mit der Niederschrift des Romans und den vorangegangenen Rechercheprozessen und Gesprächen mit ihrer Mutter und ihren Angehörigen den oben genannten „geschützten Raum“ betreten hat, um die transgenerationalen Traumata in ihrer Familie besser zu verstehen und diese vielleicht sogar abmildern zu können. Damit wäre sie dann im mütterlichen Zweig ihrer Familie einen wesentlichen Schritt weitergekommen.
Aber auch der väterliche Zweig hätte eine eigene Geschichte verdient. Dies wird in „Die Postkarte“ angedeutet. In dem dieses Jahr auf Deutsch erschienenen Roman „Vatertage“ (Berest 2026) legt Anne Berest diesen Teil dann auch noch vor.
Quellen
Berest, Anne. 2023. Die Postkarte. Berlin Verlag.
Berest, Anne. 2026. Vatertage. Berlin Verlag.
Bittermann, Klaus. 2023. Die verlorene Erinnerung. URL: https://taz.de/Roman-Die-Postkarte-von-Anne-Berest/!5938209/. Zuletzt abgerufen am 21.09.2026.
Deutscher Bundestag (17. Okt. 2016). Transgenerationale Traumatisierung. Sachstand. Online: Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste, WD 1: Geschichte, Zeitgeschichte und Politik. URL: https://www.bundestag.de/resource/blob/501186/5cab3d455ea7c85a1dfbd7ce458d499a/wd-
1-040-16-pdf-data.pdf. Zuletzt aufgerufen am 23.09.2026.
Geißler, Cornelia (18. Juni 2023). „Ich bin die, die überlebt“: Warum der Roman „Die Postkarte“ von Anne Berest so grandios ist. URL: https://www.berliner-zeitung.de/article/der-grandiose-roman-die-postkarte-von-anne-berest-ich-bin-die-die-ueberlebt-359277. Zuletzt abgerufen am 21.09.2026.
Grünberg, Kurt (2012). Szenisches Erinnern der Shoah: Uber transgenerationale Tradierungen extremen Traumas. URL: https://www.yadvashem.org/de/education/newsletter/14/scenic-remembrance.html. Zuletzt abgerufen am 06.10.2026.
Hasselmann, Silke (26. Jan. 2016). Bis ins vierte Glied – Traumata prägen auch die Kinder. URL: https://www.deutschlandfunk.de/traumavererbung-bis-ins-vierte-glied-traumata-praegen-auch-100.html. Zuletzt
abgerufen am 23.09.2026.
Kemmer, Anna (31. Mai 2026). Transgenerationale Traumata: Wie Ängste unserer Vorfahren prägen. URL: https://www.br.de/nachrichten/wissen/transgenerationale-traumata-wie-aengste-unserer-vorfahren-praegen,VJxJC0z. Zuletzt abgerufen am 06.10.2026.
Richmond, Abby (17. Apr. 2025). „The Postcard “Explores the Names We Carry. URL: https://jwa.org/blog/bookclub/whats-name-inherited-identity-postcard. Zuletzt abgerufen am 23.09.2026.
Schäfer, Tessa (o. D.). Anne Berest: Die Postkarte. URL: https://www.holocaustliteratur.de/deutsch/Anne-Berest-Die-Postkarte_3531/. Zuletzt abgerufen am 21.09.2026.
Wolf, Christa (1988). Kindheitsmuster. 17. Aufl. Darmstadt: Luchterhand.
Anmerkungen
- Überaus lesenswert zu diesem Thema ist der Artikel „Szenisches Erinnern der Shoah: Über transgenerationale Tradierungen extremen Traumas“ von Kurt Grünberg auf der Internetseite der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem (Grünberg 2012). Darin schildert der Autor anhand seiner eigenen Familiengeschichte die tiefe Traumatisierung seiner Familie und bettet dies in psychologische Überlegungen ein. Es ist ein schwer erträgliches Stück Literatur, weil die Lesenden darin mit unfassbar schrecklichen Dingen aus der Zeit des Nazi-Terrors konfrontiert werden ↩︎
Die Bildquelle für das Hintergrundmotiv im Beitragsbild lautet: Havang(nl), „Tunnel chemin de fer à l’approche d’Évreux“, 2013, Wikimedia Commons, CC0 1.0 – Public Domain Dedication.


