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  • Schreckliche Schreibkraft während des Nazi-Terrors mit Nachleben in Vlotho

    Schreckliche Schreibkraft während des Nazi-Terrors mit Nachleben in Vlotho

    Die nationalsozialistische Terrorherrschaft in Deutschland beschäftigt mich immer wieder aufs Neue. Es gibt wahrlich ausreichend Gründe, auch heute noch auf diese Zeit zu schauen und sich zu gruseln, dass viele deutsche Wählende sich scheinbar nichts sehnlicher wünschen, als zu ähnlichen Zuständen zurückzukehren. Auf eine schlimme Episode mit Vlotho-Bezug stieß ich kürzlich in einem Podcast.

    Die Verbrechen der Deutschen in dieser Zeit wurden nicht nur durch die „großen“ Namen begangen, an die jede:r sofort denkt. Hunderttausende und Millionen von Menschen sorgten durch kleinere oder größere Unterstützungsleistungen dafür, dass das System funktionierte – mit all seinen schrecklichen Konsequenzen.

    MDR-Podcast erzählt von Magdalene Thalwitzer

    Die Biografien solcher exemplarischer, „einfacher“ Täter:innen zeichnet der MDR-Podcast „NS-Cliquen“ nach. In Folge 3 der dritten Staffel befassen sich Moderatorin Janine Funke und Historiker Dr. Stefan Hördler mit Magdalene Thalwitzer. Die 1917 in Pommern geborene Frau arbeitete demnach seit 1941 als Schreibkraft in der Tötungsanstalt Hartheim nahe dem österreichischen Linz. In dieser Einrichtung ermordeten die Nazis behinderte Menschen und andere, die sie als „lebensunwert“ ansahen. Die Angehörigen erhielten nach der Ermordung Briefe mit erlogenen Todesursachen. Diese Briefe schrieb Magdalene Thalwitzer.

    Nicht weit entfernt von Hartheim befand sich das österreichische Konzentrationslager Mauthausen. Dort arbeitete laut Darstellung des Podcasts ein Fahrer namens Wilhelm Steinmann. Dieser steuerte hin und wieder Hartheim an, um dort Menschen „abzuliefern“, die ermordet werden sollten. SS-Mann Steinmann und Thalwitzer verliebten sich ineinander und heirateten. Die nunmalige Frau Steinmann wechselte die Dienststelle und arbeitete fortan in Mauthausen, bis sie ein Kind bekam und danach nicht mehr weiter für die Nazis berufstätig war.

    Auf dem Vlothoer Wirtschaftsamt eine Holocaust-Überlebende beleidigt

    Geschichten wie diese erzählt der „NS-Cliquen“-Podcast viele. Oft schließen sie damit, dass die Porträtierten nach dem Krieg wenige bis keine Konsequenzen zu tragen hatten. Auch in dieser Folge wird das Nachkriegsleben von Magdalene Steinmann angedeutet. Diese zieht nämlich in den Heimatort ihres Mannes – und das ist Vlotho! Ihr Mann ist zunächst in Kriegsgefangenschaft und muss nach seiner Rückkehr immerhin noch drei Monate ins Gefängnis.

    Seine Frau, die einstmalige Tötungsanstaltssekretärin, wird allerdings bald auffällig. Im Herbst 1946 soll sie auf dem Wirtschaftsamt in Vlotho eine aus dem KZ zurückgekehrte Jüdin „schwer beleidigt“ haben, berichtet Dr. Stefan Hördler. Dafür belegte die Staatsanwaltschaft Minden sie mit einer Geldbuße von 50 Reichsmark. Weitere Ermittlungen gab es gegen sie nicht.

    Henny Silberberg fühlte sich in Vlotho nicht willkommen

    Opfer der Steinmann’schen Beleidigungen war übrigens die Vlothoerin Henny Silberberg. Deren Mann war in Auschwitz ermordet worden, sie selbst und ihre Tochter überlebten Theresienstadt, Auschwitz und zuletzt Groß-Rosen. Nach der Befreiung kehrte sie nach Vlotho zurück, fühlte sich dort schlussendlich aber nicht willkommen und wanderte mit ihrer Tochter in die USA aus. Die Informationen zu Henny Silberberg habe ich übrigens diesem lesenswerten Artikel auf der Internetseite der Vlothoer Mendel-Grundmann-Gesellschaft entnommen.