Es ist einfach überwältigend, dass ich auf einem Berggipfel – dem 3017 Meter hohen Larmkogel – sitze und dort quasi auf Augenhöhe mit den Erhebungen der Venedigergruppe bin, die ich seit Jahrzehnten aus einer ganz anderen Perspektive kannte – nämlich vom Tal der Salzach im Oberpinzgau aus. Und nun bin ich wie erschlagen von dem nahezu ungehinderten Rundumblick, sehe im Osten den Großglockner, kann den Großvenediger im Südosten fast mit Händen greifen und erahne gen Westen das Zugspitzmassiv. Natürlich sind auch das Steinerne Meer und der Hochkönig bei Saalfelden und Maria Alm zu sehen.
Von einem solchen Erlebnis hatte ich bereits seit mehreren Jahren geträumt. Und doch ahnte ich nicht, wie toll es wirklich werden würde! Ich hatte keine Ahnung, wie unvergleichlich das Bergerlebnis in dieser Höhe ist. Ich hatte nicht erwartet, wie – im Wortsinne – erhebend eine solche Solo-Bergtour ist, geschweige denn, dass ich einen Schimmer hatte, wie sich Hüttenübernachtungen anfühlen.
Kurzum: Vom 13. bis 15. August 2026 erlebte ich in den Hohen Tauern einen alpinen Traum mit ganz vielen Premieren. Und das kam so:
Von den Pinzgauer Grasbergen endlich auf die Gipfel der Hohen Tauern
Seit vielen Jahren verbringe ich sommerliche Wanderurlaube im Oberpinzgau. Dort kenne ich mich gut aus. Die meisten meiner Wanderungen führen und führten mich auf die Gipfel der Pinzgauer Grasberge. Von dort aus glitt mein sehnsüchtiger Blick oft in Richtung Süden auf die mächtigen Hohen Tauern. In diesem Massiv in den Ostalpen gibt es reichlich Berge, die über 3 000 Meter hoch sind. Bislang waren sie für mich unerreichbar. Allerdings habe ich schon diverse Erkundungen in die Täler unternommen, die sich rechts der Salzach in das Tauernmassiv hineingraben. Ich kenne fast alle Talschlüsse vom Krimmler Achental über die Sulzbachtäler bis zum Habach- und Hollersbachtal.
Gipfelbesteigungen in den Hohen Tauern fehlten aber noch auf meiner Tourenliste. Das hat mehrere Gründe: Um noch höher zu kommen, reicht eine Tagestour meistens nicht aus. Außerdem verlangen die meisten Ziele in den Tauern nach alpinen Fähigkeiten – allen voran Schwindelfreiheit. Gerade darüber verfüge ich eher weniger als mehr. Deswegen kommen viele der einschlägigen Touren für mich nicht infrage.
Die Tour: Hollersbachtal, Neue Fürther Hütte, Larmkogel, Neue Thüringer Hütte, Habachtal
Bis zu diesem Jahr! Die Gelegenheit erschien günstig, und durch verschiedene Recherchen hatte ich einen Dreitausender gefunden, der mir machbar erschien, wenn ich das Vorhaben in eine Dreitagestour mit zwei Hüttenübernachtungen einbettete. Ausgesucht hatte ich mir den Larmkogel, der über das Hollersbachtal und die Neue Fürther Hütte erreichbar ist. Der Larmkogel hat laut aktuellen Karten eine Höhe von 3 017 Metern. Auf dem Gipfelkreuz sind 3 022 Meter verzeichnet. Diese Tourenbeschreibung geht davon aus, dass Ihr mit dem Hüttentaxi zur Materialseilbahn der Hütte fahrt und ab dort im Rahmen einer Tagestour aufsteigt. Ich hatte mich hingegen für eine dreitägige Tour entschieden und startete am Beginn des Hollersbachtals am Wanderparkplatz unterhalb der Seestube. Von dort durchquerte ich das gesamte Tal und stieg zur Neuen Fürther Hütte auf 2 201 Metern auf, wo ich übernachtete. Am nächsten Tag ging es dann stramm bergauf zur Larmkogelscharte (2 934 Meter) und dann zum Larmkogel. Wieder zurück an der Scharte, ging es dann stetig steil bergab zur Neuen Thüringer Hütte auf 2 212 Meter, wo sich eine weitere Übernachtung anschloss. Zum Abschluss der Tour wanderte ich am dritten Tag dann hinunter ins Habachtal. Nach etwa 14 Kilometern hatte ich dann den Endpunkt am Wanderparkplatz am Habachtal-Eingang erreicht. Mit dem Bus bin ich dann nach Hollersbach zurückgefahren und habe mein Auto wieder eingesammelt.
Gefunden hatte ich die Tour auf Outdooractive, aber auch dank einiger YouTube-Videos. Natürlich haben schon einige „Content-Creator“ diese Tour filmisch dokumentiert. Besonders dankbar bin ich dem Account „Tobi wandert“ für sein Video „Unser erster 3.000er“. Darin wird exakt die Tour gezeigt, die ich schließlich auch gewandert bin.
Alles beginnt mit gründlicher Vorbereitung, und Aufgeben ist eine Option
Diese dreitägige Hüttentour hat mir so viele intensive Erfahrungen beschert, wie ich es nicht erwartet hätte. Natürlich begann alles mit der gründlichen Vorbereitung. Würde ich die Tour schaffen können? Waren die Anforderungen an Schwindelfreiheit und Trittsicherheit nicht zu extrem? Dabei profitierte ich extrem davon, dass ich meine bergsteigerischen Fähigkeiten mittlerweile gut einschätzen kann und mir auch kein Zacken aus der Krone fällt, wenn ich während einer Wanderung erkenne, dass mich etwas überfordern könnte. Erst wenige Tage vorher hatte ich bei einer Gipfelbesteigung entschieden, wieder auf demselben Weg zurückzukehren und nicht wie geplant den Gipfel zu überschreiten und noch eine nahegelegene Scharte anzusteuern. Ich hätte dabei auf einem mir schmal erscheinenden Grat von oben in eine Leiter einsteigen müssen, um einen kleinen, senkrechten Felsabsatz zu überwinden.
Mit dieser Erfahrung im Rücken plante ich auch den Aufstieg zum Larmkogel. Dank der Videos war ich mir sicher, dass ich die Larmkogelscharte erreichen würde und damit so hoch gewandert sein würde wie noch nie zuvor. Praktischerweise dauert der Aufstieg auf den Larmkogelgipfel von der Scharte aus nur noch eine Viertelstunde. Was konnte also schiefgehen, wenn ich den Weg so weit erkundete, wie ich mich wohlfühlte? Eben! Denn es stellte sich heraus, dass ich alle Schwierigkeiten meisterte. Die wenigen seilversicherten Stellen und metallenen Tritt- beziehungsweise Greifhilfen zur Überwindung steilerer Stellen waren im Auf- wie im Abstieg gut machbar. Und dann war ich oben. Etwas mulmig war mir schon, so weit oben auf dem kleinen Felsplateau mit dem Gipfelkreuz. Die grandiose Aussicht (siehe oben) lockerte mich aber sofort auf.
Jede:r muss einen (nicht allzu) schweren Rucksack tragen
Als Erstes stellte sich mir bei der Tourvorbereitung natürlich die Rucksackfrage. Einen 35-Liter-Tourenrucksack hatte ich schon. Bei Touren in deutschen Mittelgebirgen hat er sich schon vielfach bewährt. Würde ich damit auch in den wesentlich anstrengenderen und höheren Alpen klarkommen? Extreme Kletterpassagen plante ich nicht, sehr enge Passagen erwarteten mich auf der Tour auch nicht, deswegen war ich mir sicher, dass der Rucksack als solches kein großes Hindernis darstellen würde. Tatsächlich ließ ich ihn, genauso wie die Wanderstöcke, auch an der Larmkogelscharte zurück, als ich den Aufstieg zum Gipfel anging. Bei derlei Aktivitäten hätte er mich eher behindert.
Was aber gehört für eine Hüttentour in den Rucksack hinein? Mit etwas gesundem Menschenverstand kommt bestimmt jede:r auf die wirklich wichtigen Inhalte und die sinnvollen Gewichtsgrenzen. Wer sich unsicher ist, findet sehr hilfreiche Hinweise in dieser Packliste des Alpenvereins. Darauf fehlen nach meiner Einschätzung allenfalls Ersatz-Schnürsenkel für die Wanderschuhe. Die wiegen fast nichts, helfen einem aber aus der Patsche, falls beim Schnüren der Stiefel doch einmal etwas reißt.
Mit Mut zum eigenen Geh-Tempo macht die Tour am meisten Spaß
Und was ist mit der Kondition? Meine durchschnittliche Fitness würde ausreichen, nahm ich an. Ich irrte mich nicht, ich kam gut klar! Das Wichtigste beim Wandern ist in der Ebene wie auf dem Berg sowieso, dass jede:r das für ihn angenehmste Tempo läuft. Es ist sinnlos, über die eigene Wohlfühlgrenze hinauszugehen und zu beschleunigen, nur weil einige Meter weiter vorne jemand enteilt. Der Leistungseinbruch wird auf dem Fuße folgen.
Steige ich Berge hinauf, mache ich beispielsweise recht viele Zwischenhalte, um immer mal wieder durchzuschnaufen. Andere bevorzugen, das konnte ich gut beobachten, offensichtlich ein etwas geringeres Geh-Tempo, laufen dafür aber kontinuierlich bis zur nächsten Pause durch. Letztendlich treffen wir uns alle nach einer ähnlichen Zeit am Ziel wieder. Belohnt wurde ich für die Atempausen übrigens mit überwältigenden Aussichten. Denn während des Aufstiegs über steiles Geröllgelände ist der Blick meist vor die Füße gerichtet, um keinen Fehltritt zu machen.
Die große Höhe machte mir erstaunlicherweise nichts aus. Bei der Gipfeletappe musste ich immerhin – startend auf einer Höhe von 2 200 Metern – auf einer Strecke von knapp zwei Kilometern etwa 800 Höhenmeter überwinden. Dass die Kilometerleistung pro Stunde in derart steilem Gelände dann auf 0,8 sinkt, ist keine Schande. Dass trotzdem zwischenzeitlich Menschen in ihren Zwanzigern an einem vorbeieilen, sollte auch niemanden irritieren. Die werden von allein älter und langsamer. Lange Rede, kurzer Sinn: Die Puste ist mir nie ausgegangen. Vielmehr war das stete Laufen entlang der eigenen Belastungsgrenze sehr angenehm und ein wenig meditativ.
Ich habe bereits einige Ideen für die nächsten Touren
Werde ich noch weitere Hüttentouren in den Alpen unternehmen? Ich denke schon; Ideen dazu habe ich bereits. Mal schauen, ob ich sie auch realisieren kann. An diese durchaus andere Daseinsform, in der es einige Tage lang nur um die jeweils nächsten Schritte in einer gigantischen Umgebung geht und in der eine Hütte mit Mehrbettzimmern, bisweilen ohne Dusche, aber – so meine Erfahrung – mit gutem Essen und vielen netten Mit-Wandernden das nächste Ziel ist, könnte ich mich gewöhnen. Wirklich billig ist ein solches Unterfangen allerdings nicht. Die Hüttenübernachtung ist als Alpenvereinsmitglied – eine Alpenvereinsmitgliedschaft ist überhaupt sehr zu empfehlen! – zwar durchaus bezahlbar. Mit Verpflegung wird das Ganze aber schon etwas teurer. Auch die Anreise kostet einiges. Die Ausgaben lohnen sich aber auf jeden Fall!

