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  • Wer Texte durch LLMs schreiben lässt, hat keinen Respekt vor den Leserinnen und Lesern

    Wer Texte durch LLMs schreiben lässt, hat keinen Respekt vor den Leserinnen und Lesern

    Gestern erst verfasste ich auf LinkedIn einen kurzen Beitrag zu der unsäglichen KI-Posse rund um den thüringischen Ministerpräsidenten. Wer es verpasst hat: Mario Voigt, oder wahrscheinlicher: seine Redenschreiber:innen, hat einen Gastbeitrag in der FAZ durch ein LLM (Large-Language-Modell) verfassen lassen. Das hat eine Recherche von Frag den Staat ergeben. Auch zahlreiche weitere Reden und Beiträge des CDU-Politikers sind dabei unter KI-Verdacht geraten.

    KI-Autor:innen verspielen leichtfertig Vertrauen

    Einen Tag später fordert der KI-Hype sein nächstes „Opfer“. Der Tagesspiegel gibt bekannt, dass sein „Editor at Large“, der ehemalige Chefredakteur und Herausgeber Stephan-Andreas Casdorff, vorerst nicht mehr für das Berliner Blatt schreiben wird. Als Grund wird genannt: Er hat Meinungsbeiträge durch ein LLM verfassen lassen und dies nicht kenntlich gemacht. Es handelt sich übrigens um den Sohn der TV-Journalistenlegende Claus-Hinrich Casdorff. Ich stelle mir gerade vor, wie Stephan-Andreas zu „Ich stelle mich“ eingeladen wird und sich den schneidenden Fragen seines Papas zu seinem Schreibbetrug stellen muss.

    Meine These lautet: „Wer aus Kosten- oder anderen Gründen den Rezipient:innen maschinell erzeugten Mist zumutet, anstatt wenigstens ein wenig eigenes Gehirnschmalz zu investieren, disqualifiziert sich selbst und verspielt Vertrauen.“

    Als Texter steht man mittlerweile unter KI-Generalverdacht

    Für mich ist es eine Frage des Respekts den Leserinnen und Lesern gegenüber, dass ich ihnen meine eigenen Texte vorlege. Wenn etwas mit meinem Namen verbunden wird, hätte ich schon ganz gern, dass es auch von mir ist. Da ich beruflich Texte verkaufe, schmerzt es mich umso mehr, dass meine Kundinnen und Kunden denken könnten, dass ich sie mit LLM-Longform-Content „betuppen“ könnte. Eine andere Art von Schmerz bereitet es mir übrigens, dass es immer schwerer wird, Kunden zu finden, weil potenzielle Kandidat:innen mir ganz selbstbewusst entgegnen, dass sie ihre Texte durch „die KI“ verfassen lassen – weil’s billiger ist.

    Wenn dann Figuren wie die gerade Benannten hingehen und die Idee, dass Texte – welchem geistigen oder kommerziellen Zweck sie auch immer dienen mögen – immer noch das Resultat eines kreativen und intellektuellen Prozesses sind, einfach so mit Füßen treten, denke ich mir: WTF!?

    Es ist auch eine Frage der Meinungs- und Pressefreiheit

    Es gibt noch einen weiteren Aspekt, der mich massiv traurig macht. Egal ob beim Ministerpräsidenten oder beim Tagesspiegel-Promi: Dass wir Beiträge verfassen und diese ohne Behinderungen durch den Staat oder eine andere Zensurstelle veröffentlichen dürfen, ist eine große Errungenschaft. Erst seit 1949 haben wir in Deutschland ununterbrochen die allgemeine Meinungs- und Pressefreiheit. Auch von 1919 bis 1933 gab es schon einmal eine Periode, in der jede:r sagen und schreiben durfte, worauf er:sie Lust hatte. Dann hat Deutschland den Nazis die Macht übergeben, und ab da starben wieder Menschen für ihre Meinungen.

    Und diese Großartigkeit, die wir davon abgesehen auch dringend benötigen, um unsere Demokratie lebendig zu halten, schmeißen wir nun einfach weg und entwerten den Schreibprozess, indem wir ihn einfach an Computersysteme outsourcen, die weitestgehend durch US-amerikanische Tech-Faschisten betrieben werden? Das will mir nicht in den Kopf!

    Wenn ich es nicht ganz falsch beurteile, stolpern wir gerade in die nächste selbstgestellte Falle: Wir nutzen komplett gedankenlos eine Technologie, die wir nicht im Ansatz verstanden haben. Das Beispiel der Social-Media-Oligopole, an deren Nadeln wir nahezu alle hängen, hätte uns zu etwas mehr Vorsicht mahnen können. Stattdessen delirieren ganz unterschiedliche Akteur:innen in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen von den Segnungen der ach so praktischen LLMs. Gegen die Abhängigkeit, die wir dort entwickeln, ist die von russischem Gas oder von US-amerikanischer Sicherheitstechnologie wirklich nur ein „Fliegenschiss“.

  • Kurz und gut? Sind Pressemitteilungen mit langen Sätzen immer unverständlich?

    Kurz und gut? Sind Pressemitteilungen mit langen Sätzen immer unverständlich?

    Kurze, präzise Sätze mit aktiven Formulierungen schreiben, auf Fachjargon und erklärungsbedürftige Abkürzungen verzichten und die journalistischen W-Fragen beantworten – laut ChatGPT sind dies entscheidende Faktoren für gut verständliche Pressemitteilungen. Das klingt leistbar, oder? Trotzdem berichteten das KOM Magazin und andere Medien Ende Januar dies: „Pressemitteilungen oft unverständlich“.

    All diese Berichte beziehen sich auf die „Wortliga-Studie 2026“. Darin hat Wortliga – nach eigenen Angaben ein Anbieter von Textanalyse- und Text-Umschreibe-Tools – über 3.000 Pressemitteilungen automatisiert darauf hin untersucht, wie verständlich sie sind. Alle untersuchten Texte stammten von der Pressemitteilungsseite presseportal.de.

    Diese vier Punkte machen Deine Pressemitteilung unverständlich

    Natürlich nutzt Wortliga die Kommunikation dieser Studie dazu, um für seine automatisierten Dienste zu werben. Schließlich sollen diese Online-Werkzeuge wie von Zauberhand Pressemitteilungen verbessern. Die Erkenntnisse sind trotzdem interessant und lohnen einen genaueren Blick. Hauptverantwortlich für schlecht verständliche Pressemitteilungen sind demnach:

    • zu lange, verschachtelte Sätze,
    • ein schlecht nachvollziehbarer Textaufbau,
    • zu komplizierter Fachjargon sowie
    • zu viele passive Formulierungen.

    So wurde die Wortliga-Studie designt

    Soweit, so wenig überraschend. Aus diesen und einigen anderen Anforderungen an gut lesbare Texte haben die Studienentwicklerinnen und -entwickler einen Prüf-Algorithmus entwickelt, mit dem dann die vielen Texte von presseportal.de automatisch gescannt wurden. Dabei wurden die Prüfobjekte in 109 inhaltliche Kategorien einsortiert, sodass die Verständlichkeit von Artikeln aus verschiedenen Genres wie etwa Show, Gesundheit oder auch Logistik und Rechtsprechung gesondert betrachtet werden konnte. 400 Texte wurden zusätzlich qualitativ in Augenschein genommen.

    Vergeben wurden Punkte auf einer Skala von minimal 0 bis maximal 100 Punkten. Weder das eine noch das andere Extrem wurde erreicht – und zwar jeweils mit weitem Abstand nicht. Am besten platzierten sich durchschnittlich Pressemitteilungen aus dem Bereich „Show“ mit einer Durchschnittsbewertung von 63,8, gefolgt von Beiträgen des Genres „Bundesliga“ mit 62,7 und solchen, die sich mit „Fernsehproduktion“ befassten (62,5).

    Dieses PR-Text-Tutorial hilft Euch wirklich weiter

    Pressemitteilungen richten sich an Medien und ahmen journalistische Texte nach. Wenn sie journalistischen Kriterien entsprechen, steigt die Chance, dass sie vom Zielmedium möglichst vollständig veröffentlicht werden. Wer sich näher mit den Anforderungen an journalistisches Texten befassen möchte, sollte zum folgenden Tutorial von OpenPR greifen.

    https://www.openpr.de/magazin/pr/journalistisches-schreiben

    Keine Überraschung: Unterhaltungstexte sind verständlicher

    Texte aus dem Unterhaltungsgenre, die qua Genre bereits wenig komplex sind, erzielen bei der automatisierten Prüfung also Bestwerte. Wen erstaunt dies wirklich? Gegenprobe: Welche Themen landeten am Ende der Verständlichkeitsskala? Genau: „Krankenhaus“, „Logistik“ und „Rechtsprechung“. Hier schaffen es die Pressemitteilungen auf Werte von 36,4 bis 37,2.

    Es drängt sich geradezu zwangsläufig ein Verdacht auf: Bildet die Studie die Komplexität der in den untersuchten Texten behandelten Themen nicht richtig ab? Natürlich kann ein Artikel über ein Jura-Problem nicht ganz so locker-leicht formuliert werden wie einer über den neuesten Rosamunde-Pilcher-Film im ZDF.

    Zumindest müssen sich Texterinnen und Texter mehr ins Zeug legen, wenn sie medizinische oder juristische Sachverhalte optimal allgemeinverständlich aufbereiten wollen. Hinzu kommt noch, dass es bei derart komplexen Materien manchmal auf kleinste Details ankommt, um fachlich korrekt zu bleiben und auch keine juristischen Konflikte heraufzubeschwören. Wer schon für Verwaltungen oder Forschungseinrichtungen getextet hat, kennt es: Der Entwurf geht zum Gegenlesen und kommt in doppelter Länge und mit vielen zusätzlichen Schachtelsätzen im Nominalstil zurück. Dann ist texterseitig Langmut oder großes Verhandlungsgeschick erforderlich, um wenigstens einige der textlichen Grausamkeiten wieder zu beseitigen.

    Gutes Texten beginnt mit intensivem Zuhören

    Der Schlüssel zu gut verständlichen Pressemitteilungen ist die Fähigkeit des Textenden, gut zuzuhören. Erst wenn wir als Texterinnen und Texter begriffen haben, worum es geht, können wir auch gut darüber schreiben. Dazu müssen wir uns schriftliche Quellen oder passende Ansprechpersonen erschließen, denen wir mit unseren Fragen zum Thema „auf die Nerven gehen können“ – und zwar so lange, bis wir erfasst haben, wie weit wir den Sachverhalt vereinfachen können, ohne ihn zu verfälschen. Es ist übrigens nicht die schlechteste Voraussetzung, kein absoluter Experte für die zur Diskussion stehende Materie zu sein. Wer nicht fachlich „verbildet“ ist, verfällt auch nicht in unverständliches Fachchinesisch. Die Lesenden des Endproduktes dürfen sich dann auf besser zugängliche Informationen freuen.

    In den vorhergehenden Absätzen ging es viel um Menschliches – Fragen stellen, begreifen, kommunizieren. Sicher, an vielen Stellen kann ich die Verständlichkeit von Texten mit handwerklichen Mitteln optimieren. In meiner Berufslaufbahn habe ich Methoden erlernt, die mir dabei helfen. Ein journalistischer oder ein PR-Text wird nun mal garantiert besser, wenn ich kurze Sätze schreibe und auch ansonsten darauf achte, dass die inhaltliche Struktur nicht zu komplex wird und dass meine Formulierungen die Lesenden nicht einschläfern. Nebenbei: Jedes Methodenhandbuch würde vom vorigen Satz abraten. Trotzdem bin ich sicher, dass Ihr ihn verstanden habt. Ausnahmen bestätigen immer wieder die Regel, mit dem Abhaken einer starren Checkliste ist es nicht getan.

    Nur Texte von Menschen haben den „besonderen Kniff“

    Womit wir bei meiner abschließenden These wären: Wenn Ihr wirklich gute, verständliche PR-Texte erhalten wollt, fragt die Fachleute. Meine Kolleginnen und Kollegen oder auch ich selbst wissen, worauf es beim Schreiben ankommt, wir beraten Euch professionell, und von uns erhaltet Ihr einzigartige Texte. Mit großen Sprachmodellen, auf die ChatGPT & Co. zugreifen, lassen sich beeindruckende Ergebnisse erzielen. Irgendwie klingen sie aber immer ähnlich. Den „besonderen Kniff“ haben nur Texte, die Menschen geschrieben haben. Und nur mit Menschen könnt Ihr auch wirksam darüber diskutieren, ob in einem bestimmten Absatz nicht doch noch ein Einschub mehr sinnvoll wäre. Oder habt Ihr schon einmal erfolgreich versucht, ChatGPT nachhaltig davon zu überzeugen, dass es etwas falsch macht?